| Nofretete
kommt. Artikel von Professor Dietrich Wildung in aMun, Heft 20 |
Seit Ende
Oktober 2003 ist die Ruine des Neuen Museums mit einem Megaposter
verhüllt. Zwanzig Meter hoch ragt das Profil der Nofretete bis zum
obersten Gerüstrand. ein dicker Punkt am Satzende lässt
keinen Zweifel an der unumstößlichkeit der weithin
sichtbaren Botschaft: Nofretete kommt. Nach unten abgesetzt und
in kleiner Schrift steht die Antwort
auf die sich aufdrängende Frage, wann sie denn komme: Re-opening
2009 Wiedereröffnung.Genau 20 Jahre werden 2009 vergangen sein seit
jenem Tag Mitte November 1989, als wir beschlossen, den bereits weit
fortgeschrittenen Aufbau der Säulen und Architrave des Sahure im
Ägyptischen Museum in Charlottenburg zu stoppen. Wir waren uns
sicher, dass auf den Fall der Berliner Mauer schon bald die
Rückkehr des Museums auf die Museumsinsel folgen würde. Die
Euphorie jener Wochen und Monate ist verflogen. Aus einer vagen
Hoffnung auf einen schnellen Wiederaufbau des Neuen Museums, des
historischen Ortes des Ägyptischen Museums, ist ein langwieriges
Verfahren
geworden. Nach einem dreistufigen Architekten-Wettbewerb wurde ein
Planungsprozess
eingeleitet, der in einem knappen Jahrzehnt zum offiziellen Baubeginn
des
Wiederaufbaus des Neuen Museums am 24. Juni 2003 führte (vgl. aMun
19,
S. 14-15). Geschehen ist seither am Bau nicht viel, da einer der
Bewerber
bei der Ausschreibung wegen angeblicher Verfahrensfehler Klage erhob,
die
erst im November entschieden wurde - zugunsten der Staatlichen Museen
zwar,
aber mit dem Nebeneffekt einer mehrmonatigen Verzögerung des
Baubeginns
und dem Verlust von bewilligten Geldern, die nun im Haushaltsjahr 2003
nicht
mehr ausgegeben werden können. 2009 ist also nicht nur fern,
sondern
wird immer ferner und könnte irgendwann zu 2010 als
Eröffnungstermin werden.
Bis zu diesem fernen Datum der Rückkehr
des Ägyptischen
Museums ins Neue Museum wird in der Gemeinschaft der
archäologischen Museen auf der Museumsinsel eine Lücke
klaffen, die umso schmerzlicher erlebt wird, als es den Staatlichen
Museen zu Berlin gelungen ist, während des jahrelangen
Planungsprozesses eine Konzeption für dieses Ensemble zu
entwickeln, die die alten Kulturen als eng vernetzte Einheit erlebbar
macht.
Altägypten als eine der Leitkulturen der
Antike spielt in dieser von den Museen gemeinsam ausgearbeiteten
Konzeption eine zentrale Rolle. Es steht mit dem Vorderen Orient in
einem dichten Dialog und
ist mit der griechisch-römischen Welt in einem Prozess des
gegenseitigen Gebens und Nehmens verbunden. Das Archetypische seiner
Kunst schlägt Brücken in andere Epochen und Regionen der
Kunstgeschichte. Diese Analogien sichtbar zu machen, ist ein wichtiger
Aspekt des Masterplans Museumsinsel. Um diese innovativen Planungen
nicht nur am grünen Tisch zu betreiben, sondern sie bereits vor
der Rückkehr der Ägypter ins Neue Museum in der unmittelbaren
Nachbarschaft zu den anderen archäologischen Museen zu erproben
und die entschlossene, beharrliche Arbeit an der Neustrukturierung der
Museumsinsel nach außen zu tragen, wird die Präsentation des
Ägyptischen Museums auf der Insel zu einem früheren Zeitpunkt
als ein wichtiger Schritt gesehen.
Das Obergeschoss das Alten Museums, seit Jahren
für Wechselausstellungen genutzt, bietet die Voraussetzungen
für eine vorgezogene Rückkehr des Ägyptischen Museums
auf die Insel. Die Ausstellungsfläche entspricht der
gegenwärtigen Ausstellung im Östlichen Stülerbau, im
Marstall und im Vierschäftesaal in Charlottenburg. Die
Raumstrukturen des Schinkelbaus und die Lichtverhältnisse bieten
sehr gute Voraussetzungen, die künftige Dauerausstellung im Neuen
Museum zu simulieren. Die für das Neue Museum entwickelten
konzeptionellen und gestalterischen Vorstellungen können mit den
Originalobjekten weiterentwickelt und einer kritischen
Überprüfung unterzogen werden - nicht nur durch die
Fachleute, sondern
unter den Augen und mit kritischer Beteiligung der Besucher. Die
Nähe
des Pergamonuseums 11 wird die Besucherahlen bei Nofretete im Alten
Museum
gegenüber Charlottenburg stark ansteigen lassen, da es die
Besucher dankbar
annehmen werden, Ägypten in ihren Besuch der Museumsinsel
einschließen zu können. Unter realistischen Bedingungen wird
sich die Belastbarkeit der Ausstellung testen lassen.
In dieses Programm der für alle erlebbaren
Arbeit an der künftigen Präsentation gehört es, um die
Hauptwerke aus der gegenwärtigen Ausstellung in Charlottenburg in
langsamem Wechsel Objekte aus den Magazinbeständen zu gruppieren,
die nach ihrer Restaurierung erstmals wieder der Öffentlichkeit
zugänglich gemacht werden können. Dem multidisziplinären
Konzept der künftigen Museumsinsel entspricht es, einzelne
Kunstwerke aus anderen Häusern der Staatlichen Museen in die
ägyptische Ausstellung zu integrieren, um den Dialog der Kulturen
zu demonstrieren, der sich insbesondere in der Archäologischen
Promenade konkretisieren wird. Der Charakter des Ägyptischen
Museums in den weiten, hellen Sälen des Obergeschosses des Alten
Museums wird der einer langfristigen Sonderausstellung sein,
gleichermaßen geprägt von den Hauptwerken der Sammlung und
von experimentellen Abschnitten, von Bekanntem und von work in
progress. Die Ausstellungstechnik wird auf Flexibilität
angelegt sein, nicht auf eine Nutzung für Jahrzehnte, und sie wird
nach dem endgültigen Umzug ins Neue Museum von der Antikensammlung
weiter genutzt werden können, die im Anschluss an Ägypten bis
zur Grundinstandsetzung des Alten Museums im Obergeschoss die
etruskische und römische Abteilung zeigen will. Die
seit längerer Zeit entwickelten konzeptionellen Vorstellungen zu
einer
vorgezogenen Rückkehr des Ägyptischen Museums auf die Insel
(vgl.
aMun 19, S. 20-22) sind erst Ende Oktober 2003 in eine realistische
Phase
eingetreten. Das Kuratorium Museumsinsel hat die Übernahme des
größten
Teils der für die Renovierung des Obergeschosses des Alten
Museums,
für die Gestaltung der Ausstellung und für den Umzug
anfallenden
Kosten zugesagt. Auf dieser Grundlage konnte Mitte November 2003 ein
konzentrierter
Planungsprozess angestoßen werden, der folgenden Zeitplan
vorsieht: Schließung der Dauerausstellung in Charlottenburg
März/April
2005, Wiedereröffnung im Alten Museum August 2005 - als
Hauptereignis
zum 175. Jahrestag der Gründung der Königlichen Museen zu
Berlin.
Nofretete wird ohne Unterbrechung zu bewundern sein, wahrscheinlich am
heiligsten
Ort der Insel, in der Rotunde des Alten Museums.
Wir werden den Text des Megaposters ändern lassen müssen: Nofretete kommt - 2005. Dietrich Wildung in aMun - Magazin für die Freunde der Ägyptischen Museen, Heft 20 Herausgeber Wilfried Stolze, Finckensteinallee 90, 12205 Berlin Foto: Gitta Warnemünde |