König der Könige
Ramses II

Bericht über den Dienstagsvortrag am 09. Januar 2001 

von Professor Dietrich Wildung
in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin

Da ich den Text nach meinen eigenen Aufzeichnungen während des Vortrages verfasst habe, sind Missverständnisse nicht ausgeschlossen. Keinesfalls soll der Eindruck entstehen, es handele sich um eine wortgetreue Wiedergabe des Gesagten. Bei eventuellen Irritationen bitte ich als Verfasserin um Kontaktaufnahme.
Gitta Warnemünde

Kommt der Reisende nach Ägypten, verfolgt ihn Ramses II, der Große, auf Schritt und Tritt, vom Bahnhofsvorplatz der Ramsis Station in Kairo, wo eine der Kolossalstatuen aus Memphis mitten im alltäglichen Verkehrschaos steht, bis nach Abu Simbel und darüber hinaus bis weit hinein nach Nubien. Dies alles sind Zeugnisse der unbeschreiblichen politischen und militärischen Macht dieses Weltherrschers der 19. Dynastie.

Begründer der Dynastie und damit der sogenannten Ramessidenzeit war Ramses I, ein Herrscher nichtköniglicher Abstammung mit nur zwei Jahren Regierungszeit. Zu seiner Zeit und zur Zeit seines Nachfolgers, Sethos I, wurde nach den einschneidenden Ereignissen von Amarna die Rückkehr zur Tradition endgültig vollzogen. Die bildende Kunst war wieder klassisch und im Verhältnis zu Amarna akademisch kühl. Es war die Zeit der ramessidischen Renaissance.

Im Tempel Sethos I in Abydos, auch ein Beispiel des neuen Klassizismus, findet sich eine Reihe von Reliefs, die neben Sethos auch den Kronprinzen zeigen, Ramessu = Ramses. Er begleitet den Vater bei verschiedenen Verrichtungen, etwa dem Einfangen eines Stiers oder beim Vogelfang für das Osiris-Opfer. Bereits hier wird deutlich, welche ausserordentliche Rolle dem Prinzen zugedacht war. Mutter des Ramses war Tuja. An sie erinnern u.a. der in Medinet Habu wiederverbauten Reste eines Geburtshauses mit einem Hinweis auf die göttliche Geburt Ramses'. Nach seinem Tod wird Sethos I in seinem prachtvollen Grab im Tal der Könige beigesetzt. Ein Teil eines Pfeilers aus diesem Grab befindet sich in Berlin. Es wurde restauriert und wartet darauf, ausgestellt werden zu können.

Gleich nach seiner Thronbesteigung beginnt Ramses II damit, seine eigene Ruhestätte in Auftrag zu geben, nicht ahnend, dass für die Fertigstellung reichlich Zeit verbleiben würde - er regierte 66 Jahre. Das Grab befindet sich heute in einem kläglichen Zustand und ist kaum veröffentlicht. Eine Publikation ist in Arbeit. Eine Grabbeigabe für Ramses II war der erste je gefundene Bronze-Uschebti. Üblich wurden sie erst 200 Jahre später. In die ersten Jahre der Regierungszeit Ramses' fällt auch der Baubeginn für das Grab seiner großen königlichen Gemahlin, Nefertari, dessen prunkvolle, klare und kühle Dekoration an Amenophis III erinnert.

Ramses macht sich daran, unfertige Rempel restaurieren lassen, z.B. in Abydos. Erkennbar sind die restaurierten Teile u.a. daran, dass die Leiber schlanker dargestellt sind als in der Original-Dekoration. Auch hier wird streng darauf geachtet, die Tradition zu wahren: der König Auge in Auge mit den Göttern und nicht zu ihnen aufblickend wie zur Amarna-Zeit. Ramses lässt auch für sich selbst einen Tempel in Abydos errichten. An einer Publikation dieses Tempels arbeitet zur Zeit das Deutsche Archäologische Institut. 

An den Aussenwänden der Tempel lässt Ramses historische Szenen anbringen. Wieder und wieder finden wir seine im fünften Regierungsjahr geschlagene Schlacht bei Kadesch gegen die Hethiter aufgezeichnet: Schlachtgetümmel, gefallene Feinde, Pferde - alles in perfekter Qualität. Die Schlacht bei Kadesch spielte aus ägyptischer Sicht eine überaus wichtige Rolle und die Darstellungen an den Tempelwänden in Abydos, Theben, Nubien waren eine Meisterleistung der Propaganda und der Vermarktung eines gloriosen Sieges - aus ägyptischer Sicht. Die Hethiter freilich sahen das ganz anders. Ein berühmtes Stück ägyptischer Literatur zu diesem Thema ist das Kadesch-Gedicht auf Papyrus, der Appell Ramses' an Amun: "... Ich rufe dir zu, mein Vater Amun! Kann ein Vater seinen Sohn im Stich lassen, allein, inmitten einer Horde von Feinden?... Ich rufe dir zu, mein Vater Amun, weil ich allein bin, vollkommen allein. Mit liebendem Herzen habe ich alles für dich getan, handle du in diesem Augenblick der Verzweiflung für den, der handeln muss. ...". Ramses wendet sich an Gott, denn seine Truppen haben ihn in Feigheit verlassen, und es rankt sich der Mythos, Ramses habe allein mit Hilfe Amuns dem Verlauf der Schlacht die Wendung gegeben. In Wahrheit wurde ein Waffenstillstand erzielt, der Jahre später mit dem Abschluss eines schriftlichen Friedensvertrages, dem ersten Dokument dieser Art in der Geschichte, besiegelt wurde. Zur weiteren Untermauerung des Friedens zwischen den Ägyptern und den Hethitern nahm Ramses eine Tochter des Hethiter-Königs Hatuschili III zur Frau. Dies berichtet auch die sogenannte Hochzeitsstele in Abu Simbel. Später nimmt er noch eine weitere hethitische Prinzessin in seinen Harim auf.

Mit der Schlacht von Kadesch war der kriegerische Höhepunkt in der Regierungszeit Ramses' erreicht. Es folgten 61 Jahre des Friedens und der Konsolidierung sowie die Aufnahme reger Bautätigkeit. Die Tempel in Luxor und Karnak wurden erweitert und restauriert. Der Tempel von Luxor wird mit zwei Obelisken und sechs Kolossalstatuen ausgestattet. Die Kartuschen von Ramses II sind überall gegenwärtig. Und Ramses arbeitet and der eigenen Vergöttlichung. Seine Statuen tragen erstmals in der Geschichte göttliche Eigennamen. In Abydos wird er dargestellt in einer Göttbarke mit dem Anch-Zeichen in der rechten Hand und einem Widderhorn. In Abu Simbel schließlich bringt er die Vergöttlichung zur Vollendung. Über seiner Namenskartusche erscheint eine Sonnenscheibe, die Statue über dem Tempeleingang ist eine dreidimensionale Deutung seines Thronnamens Usermaatre und im Sanktuar findet man ihn zwischen den Göttern sitzend. Ähnliches findet sich auch überall in nubischen Tempeln. Auf Stelen aus Piramesse ist die Anbetung von Kolossalstatuen belegt. Auch die Königliche Gemahlin Nefertari wird in ihrem Tempel in Abu Simbel als Hathor vergöttlicht.

Ramses baut Piramesse zur Reichshauptstadt aus und setzt damit ein Werk seines Vaters fort. Leider sind von den Mauern aus Nilschlammziegeln kaum Reste vorhanden, jedoch ist der Grundriss weitgehend durch das Team von Hildesheimer Archäologen gesichert. Die Steinbauten von Piramesse wurden abgetragen und später in Tanis wieder verbaut. Deshalb findet man dort Säulen, Obelisken und ähnliche ramessidische Reste. Auch in Tanis war der Name von Ramses II allgegenwärtig, nicht nur wegen der verbauten Steinblöcke aus Piramesse, sondern sicher auch aus Gründen der Tradition und Reminiszens. Bekanntlich hat auch Ramses eine große Zahl von alten Denkmälern, z.B. in Bubastis, für sich reorganisiert. Beispielsweise trägt eine Sitzstatue, die jetzt in Berlin vor dem Pergamon-Museum steht, die Kartuschen von Ramses und Merenptah, ist jedoch eindeutig Amenemhet II zuzuschreiben. Die Aneignung alter Denkmäler sollte nicht zwangsläufig mit Usurpation gleich gestellt werden. Häufig waren auch Reaktivierung und Fortführung alter Traditionen die Beweggründe.

Mit seinen sieben Hauptgemahlinnen zeugte Ramses eine zahlreiche Nachkommenschaft. Es ist von 80 Söhnen die Rede, deren Zahl jedoch mathematisch ermittelt wurde: das teilweise zerstörte Sohnfries in Luxor wurde vermessen und hochgerechnet Auf diese Weise kam man auf die Zahl 80. Wahrscheinlich jedoch beläuft sich die Zahl der Söhne auf 40 bis 45 und die der Töchter auf etwa 40. Der vierte Sohn, Chaemwese, machte sich einen Namen als Historiker und "erster Ägyptologe der Geschichte". Er studierte die alte Geschichte und restaurierte deren Denkmäler "Ich habe dieses Bauwerk verfallen vorgefunden und ich habe es erneuert". Auf vier Pyramiden findet man seinen Namen.

Aus der Zeit Ramses II ist eine reiche Hinterlassenschaft an Biografien erhalten. So zum Beispiel die des Hohepriesters Bakenchons, der schon als Kind bis zu seinem 82. Lebensjahr dem Tempel diente und dessen grösster Wunsch es war, das erstrebenswerte Alter von 110 Jahren zu erlangen. 

Nubien war unter Ramses II weitgehend befriedet. Es wurde jeweils verwaltet vom "Vizekönig von Kusch", ein politischer Titel. Alles in allem erlebte Ägypten unter Ramses II die letzte typisch ägyptische Friedenszeit. Trotz aller martialischen Darstellungen, die letztendlich als Drohgebärden verstanden werden wollten, ist Ramses der Große nicht "Soldatenkönig" zu betrachten.

Gitta Warnemünde