Wie fit waren die Ägypter?
Körperertüchtigung
versus Krankheitsbilder
(erschienen in Kemet
02/05
"Medizin und Magie")
Der sportliche König
Die
physische Leistungsfähigkeit des Königs muss in
Ägypten über die Jahrtausende hinweg eine große Rolle
gespielt haben, denn schon aus der Zeit der frühen Dynastien sind
entsprechende Hinweise überliefert. Wir haben zum Beispiel aus Umm
el-Qab einen Siegelabdruck in Ton, der den König Djer (um 2900
v.Chr.) beim so genannten Kultlauf zeigt. Die dargestellte Figur
trägt die Weiße Krone Oberägyptens. Ihre weiteren
Attribute sind Schurz, Schwanz (Stierschwanz?) und Stab
(mks-Kultstab?). Dem
Betrachter bietet sich also ein Bild, das sich von
denen der vielen späteren Kultlauf-Darstellungen bis hin zu den
Ptolemäern nur unwesentlich unterscheidet. Kultläufe des
Königs gehörten zu den Ritualen des zu allen Zeiten
begangenen Hebsed, des Thronjubiläums, das üblicherweise
erstmalig im 30. Regierungsjahr stattfand, auch wenn dieser lange
Zeitraum nicht immer eingehalten wurde.
Ramses II. beim Kultlauf (Totentempel Sethos I. in
Theben-West)
Die Bezeichnung Thronjubiläum ist ein wenig irreführend. Die
ureigentliche Bedeutung des Hebsed dürfte in der rituellen
Regeneration des Herrschers gelegen haben. Der lange Bestand dieses
Kultes legt die Vermutung nahe, dass Könige oder
Stammesfürsten in prähistorischer Zeit ihre Physis nicht nur
rituell, sondern ganz handfest unter Beweis zu stellen hatten.
Körperliche Stärke gehörte sicher zu den herausragenden
Charaktereigenschaften, die vom König erwartet wurden. Man
betrachte nur die Sphingen als Königsdarstellungen in Gestalt von
Löwen oder die immer wiederkehrenden Bezüge zu Stieren, die
als Symbol für Kraft, Fruchtbarkeit und Macht galten. Schon die
über 5.000 Jahre alte Prunkpalette des Königs Narmer
zeigt eine entsprechende Szene: ein Stier, gleichzusetzen mit dem
König, zertrampelt einen Feind. 1.500 Jahre später
identifizieren sich Könige des Neuen Reiches sogar namentlich mit
dem Stier. Sie tragen den Beinamen „starker Stier“. Der Stierschwanz
gilt als Teil des Königsornats. Als ebenso bezeichnend für
Kraft und Gesundheit erweisen sich Szenen und Texte, die über die
Jagd berichten. Das Jagen war zwar nicht ausschließlich ein
Privileg des Königs, jedoch spiegeln sich in den
Überlieferungen sehr deutlich die königlichen Erfolge wieder,
speziell im Zusammenhang mit starken und mächtigen Tieren. Das
Harpunieren und Töten des als hochgefährlich eingestuften
Nilpferdes spielte eine bedeutende Rolle, und das ebenfalls schon sehr
früh, wie einem Siegelabdruck aus der Zeit des Den (1. Dynastie)
zu entnehmen ist. Er zeigt unter anderem Statuen des Königs
beim Harpunieren eines Nilpferdes. Der mythische Kampf des Horus gegen
Seth, der in Gestalt eines Nilpferdes überwältigt wird, zielt
in die gleiche Richtung, wobei sich hier Naturgewalt und
Königsideologie vermischen: mit seinem Sieg über das Nilpferd
in seiner Unheil bringenden Ausprägung – Nilpferde waren auch
Ernteschädlinge und eine Gefahr für die Versorgung – stand
der König für die Aufrechterhaltung der Ordnung (maAt)
gegenüber dem Chaos (jsft).
Ihre besonderen körperlichen
Fähigkeiten bei der Großwildjagd gaben Könige des Neuen
Reiches sehr eindrucksvoll zum Besten. Sie ließen ihre
großen Taten niederschreiben.
Ramses III. bei der Wildstierjagd
(Pylon Medinet Habu)
So etwa Thutmoses III. (18. Dynastie), der „ein Rudel von 12
Wildstieren in einer Stunde als Beute einbrachte“ und „sieben
Löwen mit Pfeilschüssen in einem einzigen Augenblick
tötete“. Auch Amenophis III. (18. Dynastie) verewigte sich
schriftlich als großer Jäger. Serien von
Gedenkskarabäen berichten davon. Danach erbeutete er bei einer
Wildstierjagd in wenigen Tagen 96 Tiere – hinzuzufügen ist
allerdings, dass dies innerhalb eines umzäunten Geländes
geschah - und tötete „vom Jahre 1 bis zum Jahre 10 (seiner
Herrschaft) 102 wilde Löwen“. Diese Aussagen, deren
tatsächlicher Wahrheitsgehalt dahingestellt sei, zeigen den
Stellenwert derartiger Mannestaten. Aus der Tatsache, dass die
königliche Großwildjagd ebenso wie etwa das
eigenhändige „Erschlagen der Feinde“ großflächig auf
den äußeren Wänden der Tempel angebracht wurde,
lässt sich schließen, dass als Machtinstrument auch diese
Außenwirkung eines starken, gesunden und
leistungsfähigen Herrschers eingesetzt wurde.
Ein Volk in Bewegung?

Das im
weitesten Sinne als „sportlich“ zu
bezeichnende Betätigungsfeld der nicht königlichen Personen
ist vielfältig in
Grab-, teilweise auch in Tempeldekorationen
überliefert. Neben sehr frühen Zeugnissen von
Ringkämpfen, bei denen es dem ungeschulten Auge einige Mühe
bereitet, sie als solche zu identifizieren, sind die
Das im weitesten Sinne als „sportlich“ zu bezeichnende
Betätigungsfeld der nicht königlichen Personen ist
vielfältig in Grab-, teilweise auch in Tempeldekorationen
vielleicht
lebendigsten Darstellungen in Beni Hasan zu finden, in den
dortigen Felsengräbern der Gaufürsten des Mittleren Reiches.
An der Ostwand des Kultraumes im Grab des Baqti III. aus der 11./12.
Dynastie finden wir sechs auf Wandverputz gemalte Register. Sie zeigen
rund 200 Ringerpaare in den unterschiedlichsten Kampfpositionen:
stehend, fallend, sich am Boden wälzend. Keine Sequenz eines
Ringkampfes scheint ausgelassen und keine scheint sich zu wiederholen.
Man gewinnt den Eindruck, als betrachte man einen großen
Truppenübungsplatz (Abb. rechts, nach Ippolito Rosselini).
Um
etwas Ähnliches könnte es sich auch handeln, denn die
weiter unten angebrachten Register zeigen militärische
Kampfhandlungen, so dass es nicht abwegig erscheint, die
Ringkämpfe als einen Teil der soldatischen Ausbildung anzusehen.
Auffällig ist, dass Belege mit Ringkampfszenen in dieser Dichte
nur aus dem Mittleren Reich existieren; ebenso tauchen nach bisherigen
Erkenntnissen nur in dieser Epoche kleine Skulpturen von Kampfpaaren
auf. Der einzige Beleg eines Ringkampfes aus dem Alten Reich ist ein
Relief aus der 5. Dynastie. Es befindet sich im Grab des Ptahhotep in
Sakkara und zeigt ringende Jungen, deutlich als solche zu erkennen an
ihrer Jugendlocke. Diese Darstellung dürfte deshalb eher in den
Bereich der Spiele gehören. Im Neuen Reich erscheinen Ringer
erstmalig in der Zeit Thutmoses III. auf der archäologischen
Bildfläche. Ihr Stellenwert scheint inzwischen ein anderer
geworden zu sein. Man sieht sie in wettkampfähnlichen Situationen
zu Ehren des Königs oder bei Festaufzügen, und sie
präsentieren sich gemeinsam mit Akteuren anderer Disziplinen
(Stockfechtern, Faustkämpfern).
Papyrusfechter im Grab des Cheruef
(Theben-West)
Eine Malerei in einem
thebanischen Grab aus der 19. Dynastie zeigt
Ringkämpfer und Stockfechter vor einem Schrein mit dem Kultbild
Thutmoses’ III. – sicher  kein zufällig gewählter Ort. Ein
ähnliches Treiben ist vor dem Erscheinungsfenster Echnatons im
Grab des Merire II. in El-Amarna festgehalten und wir finden es auch
unter dem Erscheinungsfenster Ramses’ III. in seinem Tempel in Medinet
Habu. Das Stockfechten und der Faustkampf sind ebenso wie das Ringen
eine militärisch geprägte Form des Wettkampfes.
Fechtstöcke waren etwa 1 m lang und mit einem Griff,
manchmal sogar mit einer Teilverkleidung aus Metall versehen. Sie
konnten sicherlich empfindliche Verletzungen verursachen. Nicht ganz so
im Thebaner Grab des Cheruef, Haushofmeister der Teje,
Große Königliche Gemahlin Amenophis’ III. Dort sind
Handlungen dargestellt, die mit dem dritten Hebsed Amenophis’ III. in
Verbindung stehen. Das dazugehörige Ritual vom Aufrichten des
Djed-Pfeilers ist in feinem Relief sehr plastisch ausgeführt. Im
Umfeld dieser Szene finden sich neben Tänzern, Tänzerinnen
und Musikantinnen auch Kämpfer, genauer gesagt Faustkämpfer
und Stockfechter, wobei Letztere nicht mit den üblichen
Fechtstöcken bewaffnet sind, sondern mit Papyrusstengeln. Papyrus
steht für Regeneration und so kann ihre Verwendung im Zusammenhang
mit einem Hebsed nicht überraschen. Daraus lässt sich der
Rückschluss ziehen, dass die Akteure einen Ritus vollzogen und
nicht das Ziel verfolgten, den Gegner wirklich außer Gefecht zu
setzen. Nach den Beischriften stehen sich hier – wohl fiktiv - die
„Leute von Dep“ und die „Leute von Pe“ gegenüber. Mit Dep und Pe
ist die Stadt Buto bzw. jeweils ein Teil davon gemeint ( Foto:
Faustkämpfer im Grab des Cheruef
(Theben-West).
Zu den deftigeren Spielarten lässt sich das Fischerstechen oder
Schifferstechen zählen, das auf dem Wasser ausgetragen wurde.
Kleine Papyrusnachen sind mit stehenden Männern besetzt, die mit
Hilfe von langen Stöcken versuchen, die Mannschaftsmitglieder des
gegnerischen Nachens entweder kampfunfähig zu machen oder zur
Aufgabe zu bewegen. Nach den dazu existierenden Darstellungen scheint
es dabei recht rabiat zugegangen zu sein. Mit den Stöcken wurde
nicht nur auf den Gegner eingestochen, sondern es wurde auch weit
ausgeholt und dann vermutlich zugeschlagen (Foto). Dabei blieb es nicht
aus,
dass der Eine oder Andere im
Wasser landete; dies ist in verschiedenen
Szenen nachgebildet. Belegt ist das Fischerstechen nur für das
Alte und Mittlere Reich. Wegen der teilweise mitgeführten
hochbeladenen Nachen wird es mit der Heimkehr der Marschenarbeiter in
Zusammenhang gebracht, ohne diesen genau definieren zu können. Ein
Kampf um die Ernte? Ein fröhliches Spiel nach getaner Arbeit? Wie
verhält sich dazu eine ebensolche Szenenfolge im Doppelgrab von
Chnumhotep und Nianchchnum in Sakkara? Hier sind
ungewöhnlicherweise Namens- und Titelbeischriften verzeichnet. Elf
der insgesamt achtzehn Akteure lassen sich identifizieren; bei vier
Personen handelt es sich demnach um Berufskollegen der Grabinhaber und
diese waren bekanntermaßen „Oberster Handpfleger des Hofes“ und
„Priester des Sonnentempels des Niuserre“, also von recht hohem Rang.
Es fällt schwer, sie sich bei der Papyrus- und Lotus-Ernte
vorzustellen. Bisher gibt es nur dieses eine einschlägige
Beispiel, aber es weist darauf hin, dass bei der Beurteilung der
bildlichen Darstellung in Gräbern mit größter Sorgfalt
vorzugehen ist. Eine zunächst ganz simpel erscheinende Situation
erweist sich bei näherem Hinsehen nicht selten als ein Buch mit
sieben Siegeln.
Neben
den martialisch anmutenden Körperertüchtigungen
hinterließen die Ägypter in ihren Gräbern auch
Zeugnisse von scheinbar vergnüglicheren Aktivitäten, der
Vogeljagd und dem Fischfang in den Papyrussümpfen, ein Motiv, das
vom Alten Reich (ab der 5. Dynastie) bis ins Neue Reich immer wieder
anzutreffen ist. Nach dem Inhalt der Malereien und Reliefs zu urteilen,
diente diese Jagd sicher nicht der Nahrungsbeschaffung, zumal es sich
bei den Protagonisten ausschließlich um Personen von Rang
handelt. Die Darstellungen folgen alle der gleichen Ikonographie.
Jagd im Papyrusdickicht im Grab von Senbi und Mehu
(Aswan)
Sie zeigen den Grabherrn in übernatürlicher Größe.
Er steht in einem Papyrusboot und holt entweder mit dem Wurfholz zum
Vogelfang aus oder hält den Speer, der mit zwei Fischen
bestückt sein kann. In vielen Fällen befindet er sich in
eleganter Damenbegleitung – seine Gemahlin oder auch seine Töchter
und Söhne sitzen oder stehen kleinfigurig mit im Boot. Der
Vogelfang und das Fischespeeren sind häufig in ein und demselben
Bild antithetisch wiedergegeben, d.h. der Grabherr steht sich selbst
spiegelbildlich gegenüber. Zeitweilig ergänzen Nilpferde die
Handlung. Diese statischen Jagdszenen sind kaum vergleichbar mit den
beinahe bewegten Bildern aus der Kategorie der Kampfsportarten. Ihre
Anbringung innerhalb der Grabdekoration hat allem Anschein nach auch
weniger realen als jenseitigen Bezug. Die beiden gespeerten
Fischexemplare, die unter Berücksichtigung ihres natürlichen
Lebensraumes niemals auf die hier vorgeführte Weise hätten
getötet werden können, unterstützen diese Annahme.
Natürlich ist es trotzdem vorstellbar, dass mondäne
Jagdausflüge in die Sümpfe in ähnlicher Form durchaus
üblich waren. Das Fangen von Vögeln und Fischen für die
Ernährung erfolgte jedoch auf andere Weise: mit Netzen, Reusen
oder auch Angeln (Foto: Fischer im Grab des Kagemni, Sakkara)..
Eine
körperliche Betätigung ganz anderer Art finden wir in
Tanzszenen. Die zum Teil akrobatischen, manchmal gar
unnatürlichen und nicht nachvollziehbaren Bewegungsabläufe
erforderten – selbst wenn man bei der bildlichen Wiedergabe an Tempel-
oder Grabwänden gewisse Übertreibungen einkalkuliert – ein
hohes Maß an Gelenkigkeit und setzten einen gut trainierten
Körper voraus. Das Foto zeigt links drei Register mit
Tänzerinnen, die ihren Körper stark nach hinten beugen.
Reliefzyklus „Opet-Fest“ im Luxor-Tempel (Ausschnitt)
Leidensgeschichten
In recht krassem Gegensatz zu all den oben beschriebenen Einsätzen
des menschlichen Körpers stehen diverse medizinische Befunde, auch
wenn man sich nicht darauf einlassen sollte, etwa eine proportionale
Gegenüberstellung vorzunehmen. Die ägyptische
Bevölkerung litt zu allen Zeiten unter immer wiederkehrenden
Hungersnöten. Die Folge davon waren Mangelerscheinungen. Zeichen
von Unterernährung und schweren Erkrankungen im jugendlichen Alter
sind die so genannten Harris-Linien im Knochengefüge, Zeugen einer
Wachstumsstörung. Bei einer Reihe von röntgenologisch
untersuchten Mumien ist diese Besonderheit festzustellen. Selbst an
der Ramses I. zugeschriebenen Mumie, die sich heute im
Luxor-Museum befindet, zeigen sich Harris-Linien. Die der Wissenschaft
zur Verfügung stehenden sterblichen Überreste stammen zum
größten Teil aus einer Bevölkerungsschicht, die nicht
zu den Ärmsten zählte und die nur etwa 20 % der
Gesamtbevölkerung ausmachte. Eine simple Ableitung auf andere
Schichten verbietet sich zwar, solange nicht genügend
Untersuchungsmaterial zum Vergleich verfügbar ist, jedoch ist es
unabhängig davon sicher nicht ganz vermessen anzunehmen, dass die
Gesundheitsprobleme des weniger gut situierten Teils der
ägyptischen Bevölkerung mindestens ebenso massiv gewesen sein
müssen wie bei der höheren Gesellschaftsschicht, wenn nicht
noch gravierender.
Ein Ärzteteam der Arbeitsgruppe Paläopathologie der
Ludwig-Maximilans-Universität München untersuchte Ende der
1990er in Theben-West 765 Personen aus den so genannten
Noblen-Gräbern, also der besser gestellten Schicht. Mit
großer Häufigkeit trafen sie auf Veränderungen an
Schädelknochen, die auf Blutarmut bzw. Blutbildungsstörungen
zurückzuführen sind, und auf Mangelerscheinungen infolge zu
geringer Zufuhr an Vitamin C und D, Nährboden für Skorbut und
Rachitis. Außerdem bestätigten ihre Ergebnisse noch einmal,
dass Tuberkulose einen hohen Verbreitungsgrad gehabt haben muss. Die
Wissenschaftler vermuten, dass mehr als 50 % der Menschen von dieser
ansteckenden bakteriellen Infektion betroffen waren. Sie konnten die
Tuberkulosebakterien molekular nachweisen und entdeckten an der Mumie
eines unter 35jährigen sogar sichtbare Zeichen für Knochen-
und Lungentuberkulose. Auch Abnutzungserscheinungen an Gelenken und
degenerative Veränderungen an der Wirbelsäule wurden
diagnostiziert, ein Befund, den auch Mark Lehner bei der Untersuchung
der Pyramidenarbeiter von Gizeh vorfand – aus einer Zeit, die im
Verhältnis zur thebanischen Nekropole noch rund weitere anderthalb
Jahrtausende zurückliegt. Selbst am Sterbealter hat sich über
diesen langen Zeitraum nicht viel geändert. Die Untersuchungen in
Theben ergaben eine durchschnittliche Lebenserwartung zwischen 20 und
30 Jahren - einige erreichten auch die 40 – und die Aussage in einer
Presseveröffentlichung über die Befunde in Gizeh „Viele der
Männer starben im Alter von 30 bis 36 Jahren. Frauen starben
häufig, ehe sie das 30. Lebensjahr erreicht hatten“ zeigt einen
ähnlichen Trend.
Bei anderen Untersuchungen konnten Fälle
von Staub- und Kohlenstofflunge nachgewiesen werden. Im Falle der
Staublunge wurden winzige Sandpartikel gefunden, die das Lungengewebe
angegriffen hatten. Diese Erkenntnis ist einem wissenschaftlichen
Glücksfall zu verdanken, denn Lungengewebe der Ägypter
steht wegen der Bestattungspraxis kaum zur Verfügung. Die Lunge
wurde wie andere innere Organe getrennt in einem eigenen Gefäß
beigesetzt und hat sich meist nicht erhalten. Im vorliegenden Falle
war es gelungen, dehydriertes Gewebe für eine Analyse aufzubereiten.
Eine Staublunge kann ihre Ursache z.B. in übermäßiger
Einwirkung von Flugsand durch Sandstürme oder in Steinbrüchen
haben. Von der Kohlenstofflunge dürften ganz besonders die
Berufsgruppen betroffen gewesen sein, die an offenen Feuerstellen
tätig waren.

Die medizinischen Original-Texte der Ägypter umfassen Hunderte
einzelner Sprüche für die Behandlung von Kranken. Mit ihrer
Hilfe kann man versuchen, im Umkehrschluss bestimmte Krankheiten und
Leiden zu identifizieren. Im Papyrus Ebers, der wohl
vollständigsten medizinischen Schrift aus der Zeit etwa um 1550
v.Chr., heißt es „Wenn Du einen Mann betrachtest, indem
Schleimstoffe in seinem Nacken sind; er leidet (ständig) am Gelenk
seines Nackens (und) er leidet (ständig) an seinem Kopf; die
Verknotung (der Wirbel) seines Nackens ist steif; sein Nacken ist
beschwert; nicht ist es ihm möglich, auf seinen Bauch zu blicken,
indem es schwierig für ihn ist“ oder „Ein anderes (Heilmittel)
für das Erweichen des Gefäßes des Knies“. Dies
sind nur zwei von mehreren Beispielen, aus denen auf Störungen am
Bewegungsapparat geschlossen werden kann. Etwa 30 Rezepte gegen Husten
sind aufgezeichnet. Husten kann außer mit einfachen
Erkältungskrankheiten auch durchaus mit den oben beschriebenen
Lungenleiden in Verbindung gebracht werden. In dem Zusammenhang sollte
vielleicht angemerkt werden, dass die ägyptischen Gelehrten
offensichtlich über die Zusammenhänge zwischen Luftzufuhr und
Lunge noch nicht voll im Bilde waren. Für Luft- und
Speiseröhre kannten sie nur einen Begriff (Sbb). Nach den Texten
nehmen Lunge und Magen die Luft über Sbb auf und das Herz
wird auf demselben Wege mit Speise versorgt.
Versuch eines Fazits
Bedauerlicherweise ist es so gut wie unmöglich, umfassende
empirische Erhebungen vorzunehmen, die einen tieferen,
einigermaßen abgesicherten Einblick in den Gesundheitszustand
aller ägyptischen Menschen gestatten würden und so lässt
sich eigentlich kein Fazit ziehen, das nicht zu Kontroversen
einlädt. Bedenkt man allerdings die sowohl bei Männern als
auch bei Frauen bisher mehrfach nachgewiesenen Anzeichen schwerster
körperlicher Arbeit und die Krankheitsbefunde - oben nur sehr kurz
und beispielhaft beschrieben -, dann darf man sich fragen, wie die in
Gräbern und Tempeln dargestellten sportlichen Szenen zu bewerten
sind. Von königlichen Texten mit häufig
politisch-propagandistischem Charakter einmal abgesehen sind
schriftliche Quellen kaum vorhanden. Meist handelt es sich um die
Deutung von Sequenzen aus literarischen Werken. Sport- und
Wettkampfstätten konnten bisher nicht nachgewiesen werden. Die
körperliche Leistungsfähigkeit der Menschen scheint sich in
Grenzen gehalten zu haben und dürfte allein schon durch
Arbeitseinsatz recht ausgeschöpft gewesen sein. Die Frage,
inwieweit weitere Aktivitäten in Form von sportlicher
Freizeitbeschäftigung noch zusätzlich möglich gewesen
sind, lässt sich nicht beantworten. Man kann nur mutmaßen,
dass es - sofern die Bilder tatsächlich als Wiedergabe
„sportlicher“ Geschehnisse zu verstehen sind - eher einer Minderheit
vergönnt war, entsprechende Leistungen zu vollbringen.
Gitta
Warnemünde
Verwendete
Literatur:
Decker, W. – Sport und Spiel im alten Ägypten (1987)
Decker, W.,/Herb, M. – Bildatlas zum Sport im alten Ägypten (1994)
Germer, R. – Mumien (2001)
Nerlich, A../Zink, A. – Leben und Krankheit im alten Ägypten
(Bayerisches Ärzteblatt 8/2001)
Nunn, J.-F. – Ancient Egyptian Medicine (1997)
Sahrhage, D. – Fischfang und Fischkult im alten Ägypten (1998)
Westendorf, W. – Handbuch der altägyptischen Medizin (1999)
Bilderwelten und Weltbilder der Pharaonen (1995), von Zabern
Lexikon der Ägyptologie
Mein besonderer Dank gilt Herrn Faried Adrom für die freundliche
Unterstützung meiner Recherchearbeit
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