Kunstwerk des Monats August 2001

 
Auf Feld und Weide
Grabrelief des Seschem-nefer IV aus dem Alten Reich
Herkunft:
Giza, östliches Gräberfeld
Datierung:
VI. Dynastie, um 2300 v.Chr.
Material: Kalkstein
erworben 1845
(Preußische Expedition)

Inv.Nr. 1129

Vorgestellt und erläutert durch Klaus Finneiser
Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Ägyptischen Museen und Sammlungen Berlin
am 5. August 2001 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Veröffentlichung des nachfolgendes Textes mit freundlicher Genehmigung des Autors

 


Abb. 1


Abb. 2
Die Grabanlage (Abb. 1)
Das Grab von Seschem-nefer IV (ssm-nfr IV) bildet den Kern einer großen Familienanlage. Neben Seschem-nefer IV finden sich hier das Grab seiner Mutter (?) Hetep-heres (htp-hrs) sowie Gräber seiner Söhne Seschem-nefer-tjeti (ttj) und Ptah-hetep (pth-htp). Die gesamte Anlage hat eine Ausdehnung von etwa 35 x 30 m. Während das Grab des Ptah-hetep südlich an das seines Vaters angebaut wurde, scheint das Grab der Hetep-heres in einer späteren Bauphase in die Anlage des Seschem-nefer IV eingefügt worden zu sein. Das Grab des Seschem-nefer-tjeti hingegen ist östlich gegenüber der Anlage seines Vatres gebaut worden. Bemerkenswert ist dabei, dass beide Gräber durch eine gemeinsame Eingangsfront zu betreten sind, die in einen offenen Hof und eine Pfeilerhalle führt. Von dieser Halle aus führt jeweils ein Durchgang in die nahezu identischen Kultanlagen. Vor der Eingangsfront der Anlage befindet sich ein Statuenpaar Seschem-nefers IV sowie 6 kleine Obelisken. Die Familiengrabanlage liegt auf dem Ostteil des Friedhofes, südlich der Cheops-Pyramide.
 

Das Grab des Seschem-nefer IV
Das Innere der Anlage besteht nicht, wie im frühen Alten Reich üblich, aus einer Kultkammer, sondern wird aus mehreren Kult- und Statuenkammern gebildet. Hierin ist ein typtisches Merkmal für das späte Alte Reich zu finden. Ein Durchgang von der Pfeilerhalle führt in den Eingangsraum A zum Kultbereich der Anlage. Das hier ausgestellte Relief (Abb. 2) befand sich an der Nordseite dieses Raumes (siehe Abb. 1). Von dort aus gelangt man im Westen in einen Magazinraum (D) und im Süden in die Räume B, C und E, die eigentlich nur einen Raum in Gestalt eines umgekehrten T bilden. Während Raum B als eine Art Vorraum angesehen werden kann, ist der mit C bezeichnete Teil der eigentliche Opferraum. An seiner Westwand befand sich eine große Scheintür. In Raum B wurden Reste eines verworfenen Blockes in Gestalt einer niedrigen Treppe gefunden, die daraufhin deuten, dass einst vor der Mitte der Scheintür eine Treppe angebracht worden war, damit der Verstorbene aus der Scheintür in den Raum treten konnte. Raum E. stellt einen besonderen Raum für den Statuenkult dar. Hinter der West- und Südwand des Raumes befindet sich jeweils ein Serdab-Raum für Statuen des Grabherrn. Ein schräger Zugangsschacht im offenen Hof führt in die unterirdische Grabkammer, in der ein großer Steinsarkophag steht.

Zur Person Seschem-nefers IV
Seschem-nefer IV gehörte zweifelsohne zu einer der einflußreichsten Familien seiner Zeit. Er besaß verschiedene Titel, wie z.B. Graf, Oberster von Elkab, Leiter der beiden Sitze oder Sekretär des Königs. Sein Hauptamt war wahrscheinlich das eines Vorstehers des Harims des Königs. Da ab der 5./6. Dynastie die Ämter erblich wurden, kann aufgrund der in seinem Grab aufgelisteten Titel davon ausgegangen werden, dass Seschem-nefer IV die seit mehreren Generationen bestehende Familientradition fortgeführt hat. In den Kulträumen erhaltene Texte nennen drei Söhne des Grabbesitzers sowie deren Titel: "Sein Sohn, Richter und Schreiber, Aufseher der Totenpriester, Nefer-seschem-Ptah", "Sein Sohn, der Hofarzt, Aufseher der Totenpriester, Ptah-hetep", "Sein geliebter (Sohn), Schtenu". Aufgrund des Baubefundes wird davon ausgegangen, dass das Grab der Hetep-heres zwar in einer späteren Bauphase in die Anlage Seschem-nefers IV eingegliedert wurde, aber zeitlich davor anzusetzen ist. Ferner wird weder Hetep-heres im Grab Seschem-nefers IV erwähnt noch umgekehrt. Daher scheint es wahrscheinlicher, in Hetep-heres die Mutter, nicht die Ehefrau von Seschem-nefer IV zu sehen. Eine weitere Unklarheit besteht in der Verbindung von Seschem-nefer IV zu Seschem-nefer-tjeti. Die Abbildungen, die Seschem-nefer-tjeti im Grab des Seschem-nefer IV zeigen, wurden nachträglich angebracht. Auch fehlt in den dazugehörigen Texten der Terminus "sein Sohn", wie ihn z.B. die anderen genannten Söhne tragen. Es wäre daher durchaus denkbar, hier nicht einen Sohn von Seschem-nefer IV zu sehen, sondern eventuell einen Bruder.

Darstellungen des Alltags
Das Bildprogramm aller Grabanlagen des Alten Reiches will die Jenseitsexistenz des Grabherrn sichern und illustrieren. Die dargestellten Themen unterscheiden sich für die Auftraggeber - ob Wesire oder königliche Friseure - nur wenig. Letztlich hängt die Grabausgestaltung von den finanziellen Mitteln des Grabbesitzers ab. Das Bildprogramm einer Grabkapelle wird im Alten Reich bis ins Detail durchorganisiert und dabei die Wand in Bildfelder untrteilt. Die Zentralfigur ist der Grabherr. Szenen des Alltags und des Kreislaufs des Lebens in den drei Jahreszeiten des bäuerlichen Arbeitsjahres mit Säen und Ernten, Viehzucht und Handwerk, sind ein Thema der Grabdekoration. Zur Erforschung der Lebensverhältnisse des altägyptischen Alltags liefern sie eine unersetzliche Quelle. Im Bild überliefert werden die tatsächlichen Handlungsabläufe, aber auch Besonderheiten, wie ein störrischer Esel auf dem Weg zur Tenne. Neu sind in der 5. Dynastie die Beischriften, Rufe und Reden der Arbeiter. Das Erntebild aus dem Grab des Seschem-nefer IV ist ein Prototyp der vielen Alltagsdarstellungen in den Kultbauten der Würdenträger des Staates.

Die Ernteszene (Abb 2)
Das Relief besteht aus zwei Zeilen (Registern), deren Inhalt auf Ernte bzw. Landwirtschaft bezugnehmen.

Unteres Register:
Männer haben das mit einer Sichel abgeschnittene Korn in einem Sack gesammelt und versuchen ihn zuzubinden. Das wird im darüberstehenden Text bekräftigt: "Zubinden des Sackes". Die gefüllten Kornsäcke sollen nun von Eseln zur Tenne gebracht werden, um das Korn dort auszudreschen. Ein Esel sperrt sich und will sich nicht beladen lassen. Ein Treiber zerrt ihn am Ohr, ein anderer zieht am Schwanz. Schließlich brüllt er den Esel entnervt an: "Mach, das du zu deiner Arbeit kommst". Zum Dreschen werden Rinder oder wie hier Esel benötigt. Dazu werden die Tiere im Kreis geführt bzw. hin und her getrieben. Sie treten so mit ihren Hufen die auf der Tenne ausgebreiteten Ähren aus. Ein Treiber beobachtet den Vorgang und sieht einen Esel aus der Reihe tanzen. Er ruft seinem Kollegen zu: "Sieh vor dich".

Oberes Register:
Das leergedroschene Stroh wird von Männern mit einer breiten dreizinkigen Gabel auf einen Haufen geharkt und das Korn zusammengefegt. Nun kommt ein leichterer Arbeitsgang, den Frauen bewältigen können. Sie worfeln das Korn, indem sie es mit zwei gekrümmten Brettchen schnell in die Höhe werfen. Dadurch werden Spreu und andere Unreinlichkeiten aus dem Korn entfernt. Die Frauen tragen nur kurze Schurze. Auf anderen Darstellungen haben sie ein haubenartiges Kopftuch umgebunden, um sich so gegen den herumfliegenden Staub zu schützen. Der letzte Arbeitsgang fehlt auf unserem Relief. Hierbei schüttete man das Korn durch ein großes rechteckiges Sieb, um die Reste der Spreu zu entfernen. Den Dank an die Götter (Min als Fruchtbarkeitsgott oder die schlangenförmige Renenutet als Erntegöttin) symbolisieren kleine Altäre zwischen den Kornhaufen. Den Abschluss des Erntevorgangs (fehlt hier auch) vollziehen zwei Beamte des Gutes, der Speicherschreiber und der Kornmesser. Sie messen die Körnerhaufen ab, bevor sie in den Speicher gebracht werden. Jede der Szenengruppen ist zu einer Einheit zusammengefaßt. Sie besticht durch eine knappe und präzise Darstellung. Durch Kriegseinwirkungen ist das Relief stark beschädigt und in seinem künstlerischen Wert beeinträchtigt worden. Aber die gelungene Darstellung der Esel zeigt den Rang, den es in der Kunstgeschichte Altägyptens einnahm. Obwohl Szenen dieser Art häufig in Gräbern der 5. und 6. Dynastie vorkommen und Eselsgruppen zum Topos der Grabausstattung gehören, sind die Tierdarstellungen Studien von hohem Reiz und künstlerisch anspruchsvoll.

Der Ackerbau als Hauptzweig der Landwirtschaft
Die Landwirtschaft bildete seit jeher den Mittelpunkt der Wirtschaft im Alten Ägypten. Erst durch eine gesicherte Überschußproduktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse war es möglich, einen Teil der Bevölkerung von der Nahrungsmittelproduktion freizustellen und für andere Tätigkeiten (z.B. Handwerk, Verwaltung) einzusetzen. Das Schwergewicht der Produktion der Grundnahrungsmittel lag beim Ackerbau. Nachdem die Felder nach der jährlichen Nilüberschwemmung neu vermessen waren, begann die Bearbeitung des Bodens. Mit Hilfe eines Pfluges, der von Rindern oder menschlicher Arbeitskraft gezogen wurde, pflügte man den fruchtbaren Boden um. Anschließend wurde das Saatgut, das den Bauern aus den staatlichen Magazinen ausgegeben worden war, ausgesät. Bis zur Reife pflegten sowohl Männer als auch Frauen und Kinder die Felder. Dabei lag die schwere körperliche Arbeit wie z.B. der Bau von Bewässerungsgräben in den Händen der Männer. Auch waren es Männer, die ernteten. Nach der Ernte brachten die Bauern das Getreide zur Tenne. Dort wurde es von Rindern oder Eseln ausgedroschen. Die Frauen, die für die leichteren Tätigkeiten eingesetzt waren, trennten nun Spreu und Weizen durch das Worfeln des Getreides. Als Nächstes füllte man das Korn in Säcke und transportierte es in die zuständigen Scheunen, wo es bis zur Weiterverarbeitung in den Mühlen gelagert wurde. Das Saatgut für das kommenden Jahr behielt die Scheunenverwaltung ein, um es dann zur Aussaat an die Bauern zu verteilen.

Klaus Finneiser

Foto: Gitta Warnemünde
Die Skizzen wurden dem Manuskript des Autors entnommen

Fotos vom Grab des Seschem-nefer IV siehe auch unter Giza

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