Kunstwerk des Monats Juli 2000

 
Verschlungene Wege - Eine phönikische Bronzeschale im Sudan
Die Bronzeschale
Durchmesser 180 mm
Dicke 2,4 - 1,7 mm

Inv.-Nr. 2989 (= Z-545)
des Ägyptischen Museums
Berlin


 
Vorgestellt und erläutert durch Dr. Angelika Lohwasser
Mitarbeiterin der Ägyptischen Museen und Sammlungen Berlin
am 2. Juli 2000 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Veröffentlichung des nachfolgendes Textes mit freundlicher Genehmigung der Autorin

 
Das Reich von Kusch

Das Reich von Kusch erstreckte sich von Unternubien bis mindestens zum Zusammenfluss von Weißem und Blauem Nil. Es war ein Königreich, das sich in der Dritten Zwischenzeit südlich von Ägypten etablierte und im 8. Jh. nach Norden vordrang. Schrittweise wurde Ägypten erobert, bis die Kuschiten als die 25. Dynastie (die "Äthiopiendynastie") Ägypten und Kusch beherrschten. Unter dem Pharaon Taharqo (690-664 v. Chr.) erreichte die 25. Dynastie ihren Höhepunkt, von dem viele Bauten in Ägypten und Nubien zeugen. Heute noch beeindruckend ist die "Taharqo-Säule" in Karnak, der Rest eines monumentalen Kiosks vor dem Tempel.

Nach der Vertreibung durch die Assyrer (663 v. Chr.) leben die Kuschiten in ihrem Stammland in einem in vieler Hinsicht äußerlich an Ägypten angelehnten Reich. Die Könige ließen sich in Pyramiden auf den Friedhöfen von El Kurru und Nuri bestatten. Ägyptisch bleibt die Kultsprache der offiziellen Dokumente, Kunst und Ikonographie der Denkmäler sind an ägyptischen Vorbildern geschult.

Das Zentrum der früheren, napatanischen Periode (8. Jh. - ca. 275 v. Chr.) des Reiches von Kusch ist der Gebel Barkal. Dieses "Karnak von Nubien", wie es oft bezeichnet wurde, bleibt auch in der nachfolgenden meroitischen Periode (ca. 275 v. Chr. - ca. 350 n.Chr.) ein bedeutender sakraler Ort. Mit der Verlegung des Begräbnisortes der Könige von den Friedhöfen um den Gebel Barkal nach Meroe ist der Beginn der meroitschen Periode anzusetzen, die durch das Zurücktreten von ägyptischen Elementen und das Hervorheben von Eigenständigem charakterisiert ist.

Die Grabungen in Sanam Abu Dom

In den Wintermonaten 1912/13 leitete der Brite F. Ll. Griffith (Oxford) eine Ausgrabung in Sanam, einem Ort nahe dem Gebel Barkal. In der Nähe des Gebel Barkal muß die Stadt Napata liegen, die als erste Hauptstadt des Reiches von Kusch angesehen wird. Sanam gehört somit zum Ruinengebiet rund um die alte Hauptstadt, zu der auch die Königsfriedhöfe von El Kurru und Nuri und natürlich die Bauten am Gebel Barkal zählen.

Griffith legte zunächst einen Tempel frei, der in der Zeit des Königs Taharqo gebaut wurde. In der Nähe des Tempels fand er das sogenannte "Schatzhaus", eine Reihe von Kammern mit Säulen, aus denen immer wieder Kleinfunde geborgen wurden. Der dritte von ihm ausgegrabene Altertümerplatz in Sanam ist ein Friedhof, der aus ca. 1.700 Gräbern besteht. Die Blütezeit von Sanam wird von Griffith in die Zeit zwischen den Königen Piye (747-712 v. Chr.) und Aspelta (ca. 593-568 v. Chr.) datiert.

Das Ägyptische Museum Berlin unter dem damaligen Direktor Heinrich Schäfer war einer der vielen Sponsoren der Oxford Expedition to Nubia. Aus diesem Grund wurde Berlin auch bei der Fundteilung bedacht und so kam eine beträchtliche Menge von Kleinfunden sowie Blöcke aus dem Tempel in das Ägyptische Museum Berlin. Der Großteil der Objekte sind Perlen, Amulette, Skarabäen und Schmuckteile aus Bronze, Muscheln und anderen Materialien sowie Gefäße aus Ton, Metall und Stein. Bei der Zusammenstellung der Funde beschreibt Griffith auch eine Schale, die aus dem Grab 850 stammt. Er verzeichnet keine Dekoration, jedoch einige von außen eingeschlagene Beulen. Bereits bei der ersten Restaurierung nach dem Eingang des Objektes wurde festgestellt, daß diese Beulen die Körper von Rindern waren, die durch Linien in die Schale eingezeichnet waren. 

Es handelt sich um eine flache Schale, die außen ohne Dekoration ist. Die Innendekoration ist mittels eingravierter Linien gestaltet. Die Mitte bildet eine Rosette, in deren innerem Teil vier schraffierte Halbkreise zu sehen sind - ein in Ägypten nicht verwendetes Symbol. Schon bei diesem Motiv, das weder dem ägyptischen noch dem kuschitischen Kulturraum zuzuordnen ist, muß man eine exotischere Herkunft annehmen. Um die Mittelverzierung sehen wir umlaufend zwei Bildstreifen. Im unteren Fries ist die Darstellung von vier Rindern, die nach links schreiten, ihren Kopf aber zurück (nach rechts) abgedreht haben. Das Rind wirkt in die Länge gezogen, Kopf, Bauch und Hinterteil vermitteln durch kleine Wölbungen (von außen eingeschlagene Beulen) einen plastischen Eindruck. Körper, Schwanz und Beine sind durch einfache Linien gekennzeichnet, nur am Kopf sind Details eingezeichnet: Das Auge mit einer Braue, zwei Halsfalten, zwei Ohren, allerdings nur ein Horn. Im oberen Fries sind fünf Rinder gezeigt, die nach links schreiten und auch nach links blicken. Die Art der Darstellung entspricht den Rindern des unteren Frieses, ebenso die plastische Modellierung der Körper.

Schalen mit Rinderdarstellungen sind im kuschitischen Kulturraum nur selten belegt. Etwa zeitgleich mit dem Grab in Sanam ist das Grab in El Kurru Ku. 55 zu datieren, in dem zwei Fayenceschalen mit Rindern in leicht erhabenem Relief gefunden wurden. Auch hier schreiten Rinder in einem Fries um eine runde Mittelgestaltung. Wahrscheinlich wurden diese beiden Stücke aus Ägypten importiert und sind in die 3. Zwischenzeit zu datieren. Unsere Bronzeschale ist aber kein in Ägypten hergestelltes Importstück. Es ist anzunehmen, daß das Motiv der schreitenden Rinder in dieser besonderen Form, nämlich mit nur einem sichtbaren Horn, aus Vorderasien stammt. Diese Art der Gestaltung der Rinder übernahmen die Phönizier, um orientalisierendes Kunsthandwerk herzustellen. Eine Gruppe von phönizischen Bronzeschalen wird "bull-bowls" genannt. Es handelt sich ausschließlich um Gefäße mit Rinderfriesen, die stilistisch und handwerklich in der gleichen Art wie die Berliner Schale gefertigt. sind.

Außer der dekorierten Bronzeschale, die sicher einen exotischen Luxusartikel darstellte, sind noch weitere Objekte phönizischern Ursprungs aus Sanam nach Berlin gelangt: Zwei phönizische Kannen (Inv.-Nr. 7852, 7871), die den typischen langen, leicht bauchigen Hals, einen kleinen Henkel und einen breiten, nach außen gestülpten Rand ("Pilz-Lippe") haben. Unter einer abgeschrägten Schulter wölbt sich ein fast eiförmiger Gefäßkörper. Beide Kännchen sind rotpoliert. Als zypro-phönizisch anzusehen ist das Kännchen Inv.-Nr. 7851. Es ist aus gelblichem Ton und trägt am Bauch eine schwarze Bemalung von jweils vier ineinanderliegenden Kreisen, die dreimal untereinander dargestellt ist. 

Der Handel mit Luxusgütern - Elfenbein, Gold, Exotica aus Afrika; Wein, Öl, Kunsthandwerk aus Vorderasien - florierte besonders seit dem Neuen Reich, wobei auch eine Vielzahl von Gütern der Mittelmeerwelt nach Ägypten gelangte. Ab der 3. Zwischenzeit häufen sich die Funde aus dieser Region in Kusch, möglicherweise Belege dafür, daß der Handel nun direkt mit Kusch betrieben wurde. Die Darstellungen von Kuschiten mit innerafrikanischen Produkten in Persien zeigt, daß dieser Güteraustausch während der ganzen Spätzeit weiterbestand. Auch unsere Bronzeschale Inv.-Nr. 2989, die ursprünglich aus dem phönizischen Kulturraum stammt und eine tausende Kilometer lange Reise bis zum Friedhof von Sanam im Sudan zurückgelegt hat, wird wohl in den Kontext "Austausch von Luxusgütern" gestellt werden können. 

Dr. Angelika Lohwasser

Fotos: Gitta Warnemünde

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