Kunstwerk des Monats Juni 2001

 
Römisch leben, ägyptisch sterben
Mumienmasken aus Mittelägypten
Vorgestellt und erläutert durch Frau Dr. Hannelore Kischkewitz
Ägyptisches Museum Berlin
am 10. Juni 2001 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Veröffentlichung des nachfolgendes Textes mit freundlicher Genehmigung der Autorin
Die Masken von zwei Frauen und zwei Männern

Gemeinsamkeiten
Mumienmasken sind seit dem Alten Reich zur Betonung der Lebensechtheit und zum Schutz des Kopfes als Sitz des Lebens in Gebrauch. In ptolemäischer Zeit wurden sie zum wichtigsten Einzelelement des Mumienschmuckes. Die Mumienmasken der Kaiserzeit werden je nach Gestaltung des Vorderteiles zum ägyptischen oder römischen Typus gerechnet. Die stark vergoldeten Männermasken gehören mit Kopftuch und Halskragen trotz römischer Haartracht dem ägyptischen Typus an. Gold galt als Fleisch der Götter, prädestiniert daher zum jenseitigen Leben und wurde seit ptolemäischer Zeit auch für Privatleute genutzt. Die Frauenmasken entsprechen durch Kleidung und Schmuck der römischen Gruppe. Sie haben eine sehr weiße Hautfarbe, die dem römischen Vorbild folgt, also europäischem Schönheitsideal und Lebensnorm entsprach und selbst für das Jenseits erwünscht war. Die für die Darstellung von ägyptischen Frauen vorgeschriebene Hautfarbe ist traditionell ein Gelbton. Die kunstvollen Perücken bestehen aus schwarz gefärbter Baumwolle (Import?). Die Dekoration der Seitenteile und des Kopfoberteils gehört in die pharaonische Tradition. Dekorationselemente, die in allen vier Masken übereinstimmen, lassen auf eine gemeinsame Werkstatt schließen: Ornamentstreifen umgeben die Darstellung unterhalb des Kopfes in den Farben rot-schwarz oder gelb-schwarz. Das Zeichen des Himmels in Schwarz mit weißen Sternen erinnert jeweils an die alte Vorstellung, daß der Verstorbene als Stern in den Leib der Himmelsgöttin Nut gelangt. Diese Szene wie auch die in der unteren Kopfleiste aufgeführten sind gleichsam Zitate aus dem großen Schatz der altägyptischen Jenseitsvorstellung, die der durch den Einfluß von Griechen und Römern nahezu "kosmopolitisch" beeinflußten Nutzerschicht in der griechisch-römischen Zeit für das Weiterleben im Jenseits wichtig waren. Die Masken sind überhäuft von gemalten Amuletten, Heilszeichen für die Intaktheit des Leibes und mit starker Symbolkraft für Wiederauferstehung, wie die gemalten Perlennetze, die den Himmel symbolisieren. Auch die Farben haben Symbolwert, so bedeutet Grün Regeneration.

Die Auftraggeber der vier Masken gehörten wohl zu einer Familie, die in der lokalen Oberschicht um die mittelägyptische Provinzstadt Meir eine Rolle spielte. Darauf lassen auch die griechischen Namen schließen, die Pa-syg (Inv.-Nr. VÄGM 111-89) und sein Vater neben ihren ägyptischen trugen. Die Art ihrer Verwandtschaft bleibt ungeklärt.

1. Maske eines Mannes
Inv. Nr. 34435
H = 61 cm, B = 30 cm, T = 38 cm

Das Gesicht, Haar und Lippen sind vergoldet. Die Dekoration der Kopftuchlappen besteht aus liegendem Schakal, geflügelter Sonnenscheibe und Uräen mit Sonnenscheibe. Die Folge der Sympole endet am unteren Bildrand mit einem geflügelten Skarabäus (Schutz), der sich von einem aufgemalten Perlennetz (Himmel) abhebt.

Bildfries der Kopfumrandung:
Zentralfigur des unteren Bildstreifens ist ein Falke mit ausgebreiteten Schwingen, Szepter und Maat-Feder in den Fängen, eine mit Uräen verzierte Sonnenscheibe auf dem Kopf. Der Beinamen dieses Gottes (Horus) "der Behedet, der große Gott, der Herr des Himmel" steht in zwei senkrechten Inschriftenfeldern. Daneben jeweils ein Strauß von Lotosblüte und Knospe, Symbol der Ewigkeit. Im Bildfeld rechts und links sieht man die vier Horussöhne, die Hüter der Eingeweide. Sie bringen Mumienbinden. Jeweils zwischen einem Götterpaar ein Opfertisch mit vier Opferboten. Längliche Beischriften enthalten die Namen der grünhäutigen Götter: rechts Duamutef (schakalköpfig) und Kebehsenuef (falkenköpfig), links Amset (menschenköpfig) und Hapi (mit dem Kopf eines Pavians). Sie tragen als Götter Perlennetze über der Mumienwicklung.
 

2. Maske einer Frau
Inv.-Nr. 34433
H = 58 cm, B = 29 cm, T = 34 cm

Die Details des jugendlichen Gesichtes sind aufgemalt: Augen, Augenbrauen, Mund, Mundwinkel, Halsfalten, auch Ohrringe und eng anliegende Halskette. Zu den Accessoires gehören die schulterlange Löckchenperücke, ein Diademreif über der Stirn (in Gips modelliert). Die Dame trägt einen roten Chiton mit zwei blauen Clavi. Die spitzen Brüste sind durch aufgesetzte Goldplättchen betont. Das Gewand entstammt der griechischen (römischen) Frauenmode. Rot ist in ägyptischer Tradition die bevorzugte Farbe der Kleidung von Göttinnen und für gehobene Anlässe. Die Hände sind ausgestreckt bzw. zur Faust geballt vor den Leib gelegt, Fingernägel und Fingerglieder in roter Farbe nachgezeichnet. Eine frei hängende Halskette aus Glas und Fayenceperlen, aufgefädelt auf einen Leinenfaden, zwei Schlangenarmbänder und ein Ring runden das modische Erscheinungsbild ab.

Bildfries der Kopfumrandung:
Auf dem Hinterkopf symbolisieren Skarabäus und zwei liegende Schakale jeweils auf Podesten den Wunsch nach Mumifizierung und daraus resultierender Wiederauferstehung. Darunter ist der Seelenvogel positioniert, gleichsam als Versicherung ewiger Verbindung zur Mumie der Verstorbenen, zu der die Maske gehört. Bild rechts: Gott Horus opfert vor der Mumienform der Verstorbenen Weihrauch und Wasser. Bild links: Die Verstorbene als neuer Osiris, als Wiederauferstandene. Der Gott Anubis opfert zwei Mumienbinden.
 

3. Maske einer Frau
Inv.-Nr. 34433
H = 61 cm, B = 31 cm, T = 41 cm

Die Details der Gestaltung entsprechen denen der Frauenmaske unter 2. Das Gesicht zeigt individuelle Züge (Mundpartie). Ein Blütenkranz bedeckt die Stirn, den "Kranz der Rechtfertigung" vor Osiris nach bestandenem Jenseitsgericht. Einen ähnlichen Kranz hielt sie auch in der vor den Leib gelegten geballten rechten Hand. Auch die linke Hand ist vor den Leib gelegt. Die Dame ist festlich zurecht gemacht mit Kosmetik, Gewandung und Accessoirs wie die Dame unter 2.

Bildfries der Kopfumrandung:
Auf dem Scheitel geflügelter Seelenvogel. Der untere Bildfries enthält drei Szenen von großer innerer Dramatik. Zentrale Szene ist die Wiederauferstehung der Toten als Osiris, resultierend aus der Wesensgleichheit mit Osiris beim Tod. Zwei Götter, Horus und Anubis sind an der (Osiris-)Mumie beschäftigt, sie hüllen sie in ein Leichentuch ein. Gemeint ist hier eigentlich der Mumifizierungsvorgang und zugleich sein Vorbild im Osirismythos. Auf dieses zentrale Bild hin bewegt sich jeweils von rechts und links eine Götterprozession. Von rechts: Nephtys mit Mumienbinden, Geb mit einer Wasserspende in der rechten und einem Weihrauchopfer in der linken Hand. Es folgt Hathor in ihrer Rolle als Lokalgöttin in der Region von Meir (Hathor von Cusae) und als Totengöttin für Frauen. Sie trägt als Zeichen ihrer Aufgabe daher auch den Himmelsschlüssel in der rechten Hand. Im Gehen wendet sie sich der im irdischen Gewand festlich gekleideten Verstorbenen zu, die sich an der linken Hand der Göttin festhält, aber doch sanft geführt wird. Von links: Isis mit Weihrauchgefäß, Schu mit Libationsgefäß und Feder (Anspielung auf das Jenseitsgericht). Den Abschluß bildet Anubis, der die verstorbene Dame brutal - wie es scheint - an beiden Armen zum Mittelpunkt hin zerrt, zum Herrichten ihres Mumienleibes. Besonders diese Szene ist ein Beweis für den Wunsch nach Anschaulichkeit des Auferstehungsgedanken in der Kaiserzeit, dem bedeutende Künstler, wie hier, zum Ausdruck verhalfen. Zwar wird das Menetekel des Todes durch die Geste des Anubis nicht verschwiegen, die Hoffnung aber benannt: Wiederauferstehung als eine Art Osiris, als Osirianer.
 

4. Maske eines Mannes
Die Dekoration der Vorderansicht der Maske entspricht nahezu der der Maske unter 1. Je ein Udjat-Auge rechts und links der Kopftuchlappen und ein hockender Ibis in Glaspaste eingelegt ergänzen die Zahl der Heilszeichen und Symbole. In diese Kategorie gehören auch die geflügelte Sonnenscheibe mit Uräen sowie 5 Uräen rechts und links eines Lebenszeichens über Stirn und am Hinterkopf (Schutzsymbole für den Kopf).

Bildfries der Kopfumrandung:
Zentrales Motiv ist ein Seelenvogel mit ausgebreiteten Schwingen. Darüber befindet sich eine Inschrift, die den Namen des Eigentümers und sein Bestattungsdatum enthält. Er hieß Pa-syg (griechischer Name: Aischines), Sohn des Pa-scherit-ta-ihet (griechischer Name: Malakos). Pa-syg "wurde zur Ruhe gelegt im Jahr 1 des Germanikos am 25. Choiak bis zum Morgen des 26." (=21./22.12. Jahr 19 n.Chr.). An diesem Tage wurde auch das Sokar-Fest begangen, das dem falkenköpfigen Gott Sokaris, dem Gott der Nekropole, geweiht war. Es stand in engem Zusammenhang zu den Auferstehungsritualen des Osiris. Darauf wird anscheinend in der Szene Bezug genommen. Denn rechts ist Pa-syg in seiner Osirisform zu sehen, flankiert von Horus (mit einem Trankopfer) und Isis, und links wird Osiris Pa-syg mit Falkenmaske (ob als Sokaris) gezeigt, begrüßt von Nephtys (links) und Anubis (rechts), der eine Mumienbinde opfert. Beidseitig stehen die Namen der Gottheiten in je zwei Kolumnen.
 

Die Herkunft der Masken
Sie stammen aus der Nekropole von Meir/Mittelägypten. Ahmed Kamal grub dort 1910 im Auftrage und auf Rechnung des Privatsammlers Sayed Bey Khashaba aus Assiut. Er fand in einer einfachen, 2,5 m tiefen Grube - einem Familiengrab - sieben Mumien mit Masken des als Kunstwerk des Monats vorgestellten Typus. Sie trugen griechische Namen wie Hierax oder Akulax. Ihr Lebensalter war mit 27, 50 oder 64 Jahren angegeben. Die in der Sammlung Khashaba gezeigten "Meir-Masken" wurden wie die Sammlung selbst 1960 von den Khashaba-Erben mit behördlicher Genehmigung ins Ausland verkauft. Nach einer Schweizer Privatsammlung und anderen Vorbesitzern gingen 3 Masken 1989 in den Besitz des Ägyptischen Museums und eine in den des Vereins zur Förderung des Ägyptischen Museums über.

Herstellung von Mumienmasken aus Leinwandkarton
Als Grundmaterial wurde Leinwand verwendet. Mehrere Schichten feingewebter Leinwand wurden mit Leim getränkt, dadurch verklebt und über einem Model für das Kopfteil und die Seitenteile geformt. Denkbar scheint auch die Nutzung von Negativformen, in die man die Leinenlagen hineinpreßte. Nach dem Austrocknen bekamen die Innen- und Außenhaut einen stabilisierenden Überzug aus dünnem Stuck. Diese Stuckschicht bildete zugleich den Untergrund für Bemalung und Vergoldung. Details wurden in Gips modelliert: Hände, Arme, Stirnreifen, Fingerringe, Armreifen.

Namen und Kosten von Masken
Die Kosten sind wohl abhängig von der Menge des verwendeten Goldes:

24 Drachmen für eine Maske 1. Jh. n.Chr.
64 Drachmen für eine Maske 2. Jh. n.Chr.
14 Drachmen für eine Kindermaske 2. Jh. n.Chr.

Bezeichnung der Masken: Prosopoio

Kosten für ein Begräbnis im 2. Jh. n.Chr. 440 Drachmen 16 Chalkoi
Jahrseinkommen im 2. Jh. n.Chr. 200 bis 300 Drachmen

Fotos: Gitta Warnemünde

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