Kunstwerk des Monats Juni 2000

 
Pyramidenbauer - ein Königskopf aus dem Alten Reich
Königskopf von vorn Königskopf Profil calcifizierter Kalkstein
Höhe: 14 cm
Fundort unbekannt
Altes Reich, 5. Dynastie,
um 2456-2445
Inv.-Nr. 14396
des Ägyptischen Museums
Berlin

 
Vorgestellt und erläutert durch Klaus Finneiser
Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Ägyptischen Museen und Sammlungen Berlin
am 4. Juni 2000 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Veröffentlichung des nachfolgendes Textes mit freundlicher Genehmigung des Autors

 
Erwerbung
Während einer Ägyptenreise im Jahre 1899 erwarb der damalige Direktor des Berliner Ägyptischen Museums, Adolf Erman, den Kopf einer deutlich unterlebensgroßen Königsstatue.

Beschreibung
Trotz geringfügiger Beschädigungen an der Mund- und Nasenpartie ist die sehr sorgfältige Modellierung des Kopfes gut erkennbar. Das runde, bartlose Gesicht wird durch das Augenpaar mit seinen plastisch aufgesetzten, zu den Schläfen hin spitz zulaufenden, gleichmäßig geschwungenen Augenbrauen geprägt. Die inneren Augenwinkel sind durch einen scharf geritzten, fast waagerechten Strich ausgezogen, der bis auf den Nasenrücken reicht. Die Backenknochen zeichnen sich deutlich unter den vollen Wangen ab. Neben den Augen wird das Gesicht auch vom Mund mit seinen fest aufeinander gepreßten Lippen charakterisiert. Den unteren Abschluß des Gesichts bildet eine breite, rundliche Kinnpartie, die einen Ansatz zum Doppelkinn zeigt und schließlich zu einem kurzen, kräfteigen Hals überleitet.
Umrahmt wird das Gesicht von einer kurzen, die Ohren bedeckenden Perücke. Sie besteht aus vielen kleinen, sorgfältig gearbeiteten Löckchen. An der Stelle des natürlichen Haarwirbels bildet eine kleine Rosette den Ausgangspunkt der fein abgestuften Frisur. Die konzentrisch verlaufenden Haarringe sind nicht waagerecht ausgerichtet, sondern bilden etwas schräg nach hinten abfallende Reihen. Umschlossen wird die Perücke von einem etwa 1,5 cm breiten, undekorierten Diadem. An der Stirnseite des Diadems befindet sich eine eng am Kopf anliegenden Uräusschlange.
Das Diadem mit der daran befestigten Uräusschlange bildet das Indiz dafür, daß es sich um die Wiedergabe eines Königskopfes handelt. 

Datierung
Die Länge und Form der Perücke sowie die Art der Ausarbeitung der Löckchen können als Kriterien für eine Datierung in das Alte Reich dienen, unterscheiden sich diese Elemente doch eindeutig von denen nachfolgender Perioden. Ein weiterer Anhaltspunkt findet sich in der Modellierung der am Diademreif befindlichen Uräusschlange. Ein kleiner Schlangenkopf  sitzt auf einem aufgerichteten schlanken Schlangenhals. Der Schlangenkörper liegt eng an der runden Kopfform des Königs an, ebenfalls typisch für das Alte Reich.

Zuweisung zu König Neferefre
Neben den ikonographischen Kriterien kann vor allem anhand der stilistischen Aspekte eine genauere Datierung vorgenommen werden. Mit dem Königskopf tritt uns ein herrscherliches Geischt gegenüber, dessen Vorbild eher in der Statuengruppe des Niuserre zu suchen ist, als in den idealisierten Herrscherporträts von Chephren oder Mykerinos. Wir finden hier eine Hinwendung zu individuelleren Zügen, was charakteristisch für Königsbildnise aus der Mitte der 5. Dynastie ist. So zeigt die Modellierung des Gesichts deutliche Parallelen zu königlichen Rundbildern aus dieser Zeit, insbesondere zu den Gesichtern des Pharao Neferefre (um 2456-2445). Wie bei Neferefre, läßt auch die Gestaltung des Berliner Königskopfes ein rundes, vollwangiges Gesicht mit einer runden, kurzen Kinnpartie erkennen. Ebenfalls typisch für diesen König ist die Gestaltung des Mundes, der als fest geschlossenes Lippenpaar mit gut durchgebildeter Ober- und Unterlippe erscheint. Die Mundwinkel sind schwach nach unten gezogen und ihre Muskeln durch leichte Vertiefungen angedeutet. Auch die Nase mit einer breiten und verhältnismäßig flachen Nasenwurzel sowie relativ breit angelegten Nasenflügeln ist für Neferefre charakteristisch.
Letztlich ist die stilistische Nähe des Berliner Kopfes zu denen des Neferefre in der Ausarbeitung der Augenpartie gut erkennbar. Die Gesichter haben regelmäßig gebildete und naturalistisch geschwungene Brauenbögen. Ferner ist die Augenform bei fast allen Köpfen nahezu identisch. Das Oberlid ist jeweils durch einen geschwungenen Bogen gekennzeichnet, dessen regelmäßige Rundung etwas zur Nase verschoben ist. Das sich dem gewölbten Augapfel anschließende Unterlid ist horizontal ausgerichtet und in der Mitte schwach abgesenkt. 

Zur Person des Königs
Pharao Neferefre gehört zu den weniger bekannten Königen des Alten Ägypten. Seine Pyramidenanlage wurde vor einiger Zeit von einer tschechischen Expedition in Abusir ausgegraben, wobei neben Kultgeräten und Rollsiegeln auch eine unerwartet große Zahl von Statuen bzw. Statuenfragmenten gefunden wurde. Weiterhin ist der Name seines Sonnenheiligtums ("Re sei gnädig") bekannt, nicht jedoch dessen Lage. Der Kult an seiner Pyramide, ebenso wie an seinem Sonnenheiligtum, ist bezeugt. Neferefre wird im Turiner Königspapyrus mit einer 7-jährigen Regierungszeit erwähnt.
Der Geburtsname des Neferefre lautet Isi. Er fand auch bei der Bildung von Personennamen Verwendung, was auf eine gewisse Beliebtheit und Bedeutung des Königs hinweisen könnte.

Die Pyramidenanlage des Neferefre
Die Pyramidenanlage bestand aus Pyramide und Totentempel. Allerdings blieb die Pyramide unvollendet. Sie wurde lediglich in Ziegelbauweise als Mastaba fertiggebaut. Die Kantenlängen betragen jeweils ca. 65 m. Der Pyramidenname lautet Netjeri-bau-Neferefre ("Göttlich sind die Ba-Seelen des Neferefre"). Auch der an der Ostseite befindliche Kultbau, der alle erforderlichen Raumteile enthielt, wurde aus Ziegeln errichtet.

Klaus Finneiser

Fotos: Gitta Warnemünde

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