Erwerbung
Während
einer Ägyptenreise im Jahre 1899 erwarb der damalige Direktor des
Berliner Ägyptischen Museums, Adolf Erman, den Kopf einer deutlich
unterlebensgroßen Königsstatue.
Beschreibung
Trotz geringfügiger
Beschädigungen an der Mund- und Nasenpartie ist die sehr sorgfältige
Modellierung des Kopfes gut erkennbar. Das runde, bartlose Gesicht wird
durch das Augenpaar mit seinen plastisch aufgesetzten, zu den Schläfen
hin spitz zulaufenden, gleichmäßig geschwungenen Augenbrauen
geprägt. Die inneren Augenwinkel sind durch einen scharf geritzten,
fast waagerechten Strich ausgezogen, der bis auf den Nasenrücken reicht.
Die Backenknochen zeichnen sich deutlich unter den vollen Wangen ab. Neben
den Augen wird das Gesicht auch vom Mund mit seinen fest aufeinander gepreßten
Lippen charakterisiert. Den unteren Abschluß des Gesichts bildet
eine breite, rundliche Kinnpartie, die einen Ansatz zum Doppelkinn zeigt
und schließlich zu einem kurzen, kräfteigen Hals überleitet.
Umrahmt
wird das Gesicht von einer kurzen, die Ohren bedeckenden Perücke.
Sie besteht aus vielen kleinen, sorgfältig gearbeiteten Löckchen.
An der Stelle des natürlichen Haarwirbels bildet eine kleine Rosette
den Ausgangspunkt der fein abgestuften Frisur. Die konzentrisch verlaufenden
Haarringe sind nicht waagerecht ausgerichtet, sondern bilden etwas schräg
nach hinten abfallende Reihen. Umschlossen wird die Perücke von einem
etwa 1,5 cm breiten, undekorierten Diadem. An der Stirnseite des Diadems
befindet sich eine eng am Kopf anliegenden Uräusschlange.
Das Diadem
mit der daran befestigten Uräusschlange bildet das Indiz dafür,
daß es sich um die Wiedergabe eines Königskopfes handelt.
Datierung
Die Länge
und Form der Perücke sowie die Art der Ausarbeitung der Löckchen
können als Kriterien für eine Datierung in das Alte Reich dienen,
unterscheiden sich diese Elemente doch eindeutig von denen nachfolgender
Perioden. Ein weiterer Anhaltspunkt findet sich in der Modellierung der
am Diademreif befindlichen Uräusschlange. Ein kleiner Schlangenkopf
sitzt auf einem aufgerichteten schlanken Schlangenhals. Der Schlangenkörper
liegt eng an der runden Kopfform des Königs an, ebenfalls typisch
für das Alte Reich.
Zuweisung
zu König Neferefre
Neben den
ikonographischen Kriterien kann vor allem anhand der stilistischen Aspekte
eine genauere Datierung vorgenommen werden. Mit dem Königskopf tritt
uns ein herrscherliches Geischt gegenüber, dessen Vorbild eher in
der Statuengruppe des Niuserre zu suchen ist, als in den idealisierten
Herrscherporträts von Chephren oder Mykerinos. Wir finden hier eine
Hinwendung zu individuelleren Zügen, was charakteristisch für
Königsbildnise aus der Mitte der 5. Dynastie ist. So zeigt die Modellierung
des Gesichts deutliche Parallelen zu königlichen Rundbildern aus dieser
Zeit, insbesondere zu den Gesichtern des Pharao Neferefre (um 2456-2445).
Wie bei Neferefre, läßt auch die Gestaltung des Berliner Königskopfes
ein rundes, vollwangiges Gesicht mit einer runden, kurzen Kinnpartie erkennen.
Ebenfalls typisch für diesen König ist die Gestaltung des Mundes,
der als fest geschlossenes Lippenpaar mit gut durchgebildeter Ober- und
Unterlippe erscheint. Die Mundwinkel sind schwach nach unten gezogen und
ihre Muskeln durch leichte Vertiefungen angedeutet. Auch die Nase mit einer
breiten und verhältnismäßig flachen Nasenwurzel sowie relativ
breit angelegten Nasenflügeln ist für Neferefre charakteristisch.
Letztlich
ist die stilistische Nähe des Berliner Kopfes zu denen des Neferefre
in der Ausarbeitung der Augenpartie gut erkennbar. Die Gesichter haben
regelmäßig gebildete und naturalistisch geschwungene Brauenbögen.
Ferner ist die Augenform bei fast allen Köpfen nahezu identisch. Das
Oberlid ist jeweils durch einen geschwungenen Bogen gekennzeichnet, dessen
regelmäßige Rundung etwas zur Nase verschoben ist. Das sich
dem gewölbten Augapfel anschließende Unterlid ist horizontal
ausgerichtet und in der Mitte schwach abgesenkt.
Zur Person
des Königs
Pharao
Neferefre gehört zu den weniger bekannten Königen des Alten Ägypten.
Seine Pyramidenanlage wurde vor einiger Zeit von einer tschechischen Expedition
in Abusir ausgegraben, wobei neben Kultgeräten und Rollsiegeln auch
eine unerwartet große Zahl von Statuen bzw. Statuenfragmenten gefunden
wurde. Weiterhin ist der Name seines Sonnenheiligtums ("Re sei gnädig")
bekannt, nicht jedoch dessen Lage. Der Kult an seiner Pyramide, ebenso
wie an seinem Sonnenheiligtum, ist bezeugt. Neferefre wird im Turiner Königspapyrus
mit einer 7-jährigen Regierungszeit erwähnt.
Der Geburtsname
des Neferefre lautet Isi. Er fand auch bei der Bildung von Personennamen
Verwendung, was auf eine gewisse Beliebtheit und Bedeutung des Königs
hinweisen könnte.
Die Pyramidenanlage
des Neferefre
Die Pyramidenanlage
bestand aus Pyramide und Totentempel. Allerdings blieb die Pyramide unvollendet.
Sie wurde lediglich in Ziegelbauweise als Mastaba fertiggebaut. Die Kantenlängen
betragen jeweils ca. 65 m. Der Pyramidenname lautet Netjeri-bau-Neferefre
("Göttlich sind die Ba-Seelen des Neferefre"). Auch der an der Ostseite
befindliche Kultbau, der alle erforderlichen Raumteile enthielt, wurde
aus Ziegeln errichtet.
Klaus Finneiser
Fotos: Gitta
Warnemünde |