Im Tal der Könige
Relief aus dem Grab Sethos' I.

Vorgestellt und erläutert durch Dr. Olivia Zorn
Ägyptische Museen und Sammlungen Berlin
am 4. August 2002 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Veröffentlichung des nachfolgendes Textes mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Material: Kalkstein, bemalt

Datierung:
Neues Reich, 19. Dynastie, um 1290 v.Chr.

Herkunft:
Tal der Könige, Grab Sethos' I. (KV 17)

Inv.-Nr. 2079




Grabeingang nach einer
Zeichnung von Belzoni

Das Grab Sethos' I.
Pfeil = "Berliner Ecke"

Abbildungen aus "Das Tal der Könige" von Nicholas Reeves und Richard H. Wilkinson


Im Oktober 1817 entdeckte der italienische Reisende und Hobbyarchäologe Giovanni Battista Belzoni im Tal der Könige, der Ruhestätte der Könige der 18. - 20. Dynastie (1540 - 1075 v.Chr.), im thebanischen Westgebirge gelegen, ein aufsehenerregendes Grab. Dieses aus sechzehn Kammern, Korridoren und Treppen bestehende Grab war zwar nicht mit goldenen Schätzen angefüllt, aber dafür überall mit bemalten Reliefs dekoriert, die so frisch und leuchtend waren, als seien sie gerade erst vollendet worden. Belzoni nannte es zunächst "Grab des Apis", weil er in einer der Kammern einen einbalsamierten Stier gefunden hatte. Die Inschriften geben den tatsächlichen Besitzer des Grabes an: Sethos I., der zweite König der 19. Dynastie, der von 1290 bis 1279 v.Chr. regierte. Bis zur Entdeckung des Tutanchamun-Grabes 1922 war das Grab Sethos' I. die Hauptsehenswürdigkeit im Tal der Könige. Leider haben Feuchtigkeit und mutwillige Zerstörung die Reliefs stark beschädigt. Die einstmals so leuchtenden Farben sind jetzt von einer dicken Schmutzschicht bedeckt und an vielen Stellen ganz verschwunden.

Einen kleinen Eindruck der ursprünglichen Farbigkeit kann das als Kunstwerk des Monats vorgestellte, frisch restaurierte Relief aus dem dritten Pfeilersaal vermitteln. Im 19. und auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden häufig reliefierte Teile aus den thebanischen Gräbern herausgelöst und gelangten in die Museen der ganzen Welt. Oftmals wurden damit Kunstwerke vor Verfall bewahrt, dem sie am originalen Ort preisgegeben gewesen wären. Diese Ecke wurde zusammen mit Teilen eines Pfeilers (Inv.-Nr. 2058) aus demselben Raum von Richard Lepsius von seiner Ägyptenexpedition 1842 - 1845 nach Berlin gebracht.



Die linke Seite der Ecke - ein Ägypter
Die rechte Seite der Ecke - ein Libyer

Pharao Sethos I.

Ramses I., der Vater Sethos' I., etablierte nach den Thronwirren der ausgehenden 18. Dynastie 1292 v.Chr. ein neues Herrschergeschlecht. Diese - nach dem in der Zeit am häufigsten auftretenden Pharaonennamen "Ramses" - als Ramessidenzeit bezeichnete 19. Dynastie (1292 - 1190 v.Chr.) ist geprägt von wirtschaftlichem Aufschwung, neuer Machtentfaltung der Pharaonen gegenüber den abendländischen Nachbarn und großer Bautätigkeit sowohl im eigenen Land als auch in den angrenzenden Provinzen. Nach einer nur zweijährigen Regierungszeit seines Vaters besteigt Sethos I. 1290 v.Chr. den ägptischen Thron. Während seiner Regierungszeit führt er verschiedene Bauprojekte in den einzelnen Landesteilen Ägyptens durch: er restauriert die in der Amarnazeit zerstörten Tempel und errichtet Neubauten in den zentralen Heiligtümern des Landes. Für dieses Konzept steht auch ein Teil seiner Königstitulatur: "Erneuerung der Schöpfung", die vor allem im großen Säulensaal des Amun-Tempels von Karnak, einem der 7 Weltwunder, realisiert wird. Seine friedlichen Beziehungen zum benachbarten Nubien sind ebenfalls durch rege Bautätigkeit geprägt, indem er u.a. zwei Städte, Akscha und Amara, am 2. Katarakt gründet. Die Grenzen nach Nordosten sichert Sethos I. durch siegreiche Feldzüge nach Palästina und ins Orontestal

Als er nach elf Regierungsjahren im Alter von ca. 45 Jahren stirbt, ist die Vormachstellung Ägyptens vom 4. Katarakt bis zum Orontestal wieder hergestellt und die Grenzen nach Westen abgesichert. Mit der ausgewogenen Förderung der Kulte und Kultstätten des Osiris, Ptah und Re neben denen des Reichsgottes Amun stellt Sethos I. den nach den radikalen Ansätzen Echnatons gelittenen Religionsfrieden wieder her. Für seinen eigenen Kult errichtet Sethos I. nicht nur sein Grab mit Totentempel in Theben-West, sondern einen weiteren Totentempel und ein Scheingrab (Kenotaph) in Abydos, dem Hauptkulturort des Totengottes Osiris.

Grabanlage im Tal der Könige - Das Dekorationsprogramm

Sethos I. läßt - wie schon seine Vorgänger in der 18. Dynastie (1540 - 1292 v.Chr.) - sein Grab im thebanischen Westgebirge in den Felsen schlagen. Er folgt dabei auch dem grundsätzlichen architektonischen Vorbild, das das geradlinige Grab in Schacht, Vorkammer und Sargkammer gliedert, erweitert es aber um verschiedene Nebenkammern. Eine weitere umfassende Neuerung ist, dass er sein gesamtes Grab vom Eingang bis zur Rückwand der Sargkammer - einschließlich der Treppen und Korridore - vollständig mit bemaltem Relief ausschmücken läßt. Zuvor trugen nur die Haupträume Dekoration. In einigen Räumen blieben die Reliefs unvollendet, dort sind die Bilder und Texte nur in Vorzeichnung ausgeführt. An diesen Stellen läßt sich deutlich ablesen, dass die Vorzeichnung in Rot aufgetragen und in Schwarz korrigiert wurde, bevor der Bildhauer mit dem Ausmeißeln des Reliefs begann; der Maler vollendete dann das Werk. Die Decken wurden, im Gegensatz zu den Wänden, nur mit Malerei geschmückt.

Zwei Themenkreise bestimmen die Grabdekoration: der König betet oder opfert vor einer Gottheit; Darstellungen und Texte, welche die Welt jenseits des Todes beschreiben, dargestellt in vier der sogenannten Unterweltsbücher (Amduat, Sonnenlitanei, Pfortenbuch, das Buch von der Himmelskuh). Als weiterer religiöser Text zu den Unterweltsbüchern schließt sich das "Ritual der Mundöffnung", verbunden mit einer Opferlitanei an. Sethos I. tritt in den einzelnen Szenen verschiedenen Gottheiten gegenüber, um deren Fürsprache für ein Weiterleben nach dem Tod zu erlangen. Vor allem Hathor, die Göttin des Westens (=Totenreich) mit ihren Aspekten der Regeneration, und Re, der Schöpfer des Universums, bei seiner nächtlichen Unterweltfahrt sollen dem König neues Leben bringen. In seinem Grab will sich der verstorbene König mit Re gleichsetzen oder zumindest in seinem Gefolge sein, um auf diese Weise in den Sonnenlauf einzutreten, der jeden Morgen aus der Tiefe des unterweltlichen Totenreiches wieder zum Himmel emporführt. Die Teilnahme an diesem Kreislauf ist das Ziel der Sonnenlitanei.

Amduat und Pfortenbuch geben in der Beschreibung der Nachtfahrt des Sonnengottes eingehende Darstellungen des Jenseits, über seine Bewohner und Gefahren.

Das Buch von der Himmelskuh berichtet von dem Anfang der Welt, als der Gott Re als König noch auf Erden herrschte. Wegen eines Aufstandes der Menschen ziehen sich die Götter in himmlische Sphären zurück, während die Herrschaft auf Erden sterblichen Pharaonen überlassen wird. Erst ab diesem Zeitpunkt beginnt Re seinen täglichen Sonnenlauf.

Die Sarkophaghalle

Das vorgestellte Objekt befand sich in dem zentralen Raum des Grabes, der Sarkophaghalle, die aus einem höher gelegenen Pfeilerraum und einem vertieften Teil mit dem Standort des Sarges besteht. Die Wände des unteren Bereiches sind mit Szenen aus dem Amduat dekoriert, während oben Darstellungen aus dem Pfortenbuch gezeigt werden.


 
 
Abbildung aus "Tal der Könige" von Erik Hornung

Die Ecke stammt vom hinteren Teil der linken Wand des Pfeilerraumes und zeigt einen Ausschnitt aus der Darstellung der vier Menschenrassen. Nach ägyptischer Vorstellung gibt es vier Menschentypen, die Ägypter und ihre angrenzenden Nachbarn: die Asiaten (Nordosten), Nubier (Süden) und Libyer (Westen). Von den normalerweise in Vierergruppen oder paarweise auftretenden Völkern sind auf diesem Fragment nur noch ein Libyer und ein Ägypter erhalten. Der Ägypter ist in der üblichen Form mit brauner Hautfarbe, schulterlanger Perücke und kurzem Schurz dargestellt. Der Libyer unterscheidet sich durch seine hellere Hautfarbe, den Spitzbart, das lange Haar mit Seitenlocke und den bunten, mit Fransen versehenen Schurz deutlich von dem Ägypter

Der hier nur fragmentarisch aber im ersten Pfeilersaal des Grabes gut erhaltene Text stellt alle Menschen (als "Vieh des Re" bezeichnet) sowohl im Jenseits als auch im Diensseits unter göttlichen Schutz und spielt damit eine gewandelte, humanere Einstellung zu den Ausländern wider, die sonst generell als "Feinde" gelten.

Horus sagt zu diesem Vieh des Re,
zu denen, die in der Unterwelt sind, in Fruchtland und Wüste:
Verklärung sei euch, Vieh des Re,
das aus dem Großen entstanden ist, der dem Himmel vorsteht (=Re)!
Atem sei euren Nasen, Lösung sei euren Mumienbinden!

 
Detailaufnahmen der hieroglyphischen Inschriften
 

Fotos: Gitta Warnemünde

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