Reise durch die Ewigkeit
Unterweltsbücher auf Papyrus
Vorgestellt und erläutert durch Dr. Ingeborg Müller
Ägyptische Museen und Sammlungen Berlin
am 7. Juli 2002 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Veröffentlichung des nachfolgendes Textes mit freundlicher Genehmigung der Autorin



Amduat
("Buch von dem, was in der Unterwelt ist")

für den Priester des Amuntempels Amenophis

Papyrus aus Theben

11. Jh. v.Chr.

Inv. Nr. P 3005

Erste Stunde - Sonnenuntergang

12 Stunden dauert die Reise, sie wiederholt sich jede Nacht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Die Fahrt beginnt mit dem Sonnenuntergang am westlichen Horizont und endet mit der morgendlichen Wiedergeburt der Sonne und aller seligen Toten am östlichen Himmel. Dieser Sonnenlauf durch die Nacht ist eingeteilt in 12 Fahrtabschnitte, die den 12 Stunden der Nacht entsprechen. Der Verstorbene hoffte, diese Fahrt des Sonnengottes in seiner Barke mitmachen zu können und gleich der Sonne, dem Symbol der Erneuerung, Verjüngung und Wiedergeburt, die gefürchteten Regionen der Unterwelt zu umschiffen und das glückliche Ende, die Regeneration, zu erlangen. Dieses Wunder vollzieht sich in der 12. Stunde im Leib einer riesigen Schlange: Alle Verstorbenen treten mit dem Sonnengott als Greise in den Schwanz ein und kommen als Kinder aus dem Maul heraus. An der natürlichen Häutung der Schlange bewunderte der Ägypter die Wandlungsfähigkeit und das Regenerationsvermögen. So wurde die Schlange für ihn zu einem Symbol der Unsterblichkeit, auf das sich seine Jenseitshoffnung der ständigen Wiedergeburt richtete.
 

Zweite und dritte Stunde Die Wernesgefilde

Die ältestens Aufzeichnungen dieses Unterweltsführers stammen aus den königlichen Gräbern der 18. Dynastie (um 1500 v.Chr.), wo sie von Thutmosis I. bis zur Amarnazeit zum unerläßlichen Wandschmuck gehören. Mit dem Ende des Neuen Reiches erlischt das königliche Vorrecht und jede Privatperson wird zum Mitfahrer auf der Sonnenbarke. Nun auf Papyrus aufgeschrieben, wird die Bildgeschichte vom Lauf der Sonne durch die Nacht auf die letzten Stunden, hier auf die 10. und 11. Stunde, reduziert.
 

Vierte und fünfte Stunde Im Reich des Sokar

Amduat ("Buch von dem, was in der Unterwelt ist") bezeichnet eigentlich alle bekannten Unterweltsbücher (auch die späteren Varianten "Pforten- und Höhlenbuch"), wird aber als Kurzfrom speziell für diese älteste Version benutzt, deren vollständiger Titel "Schrift der verborgenen Räume" lautet. Es ist das beliebteste Unterweltsbuch und auf Sarkophagen und Papyrus bis in die frühe Ptolemäerherrschaft (um 300 v.Chr.) überliefert.
 

Sechste Stunde - Der Sonnenleichnahm Siebte Stunde - Der Drachenkampf
Achte und neunte Stunde Kleider für das Jenseits

 
Zehnte und elfte Stunde Im Urgewässer

Das Bildfeld ist in drei Register unterteilt. Das mittlere zeigt den Sonnengott in seiner widderköpfigen Nachtgestalt mit seinem Gefolge. Verkehrsweg ist wie im Diesseits der Nil, ein Strom, Verkehrsmittel eine Barke. Zu beiden Ufern im oberen und unteren Bildstreifen stehen die Bewohner und Stätten der Unterwelt, die während der nächtlichen Fahrt passiert werden. Nötig für eine ungestörte Fahrt war die Kenntnis ihrer Namen. Die beigefügten Texte erfüllen diese wichtige Aufgabe, wie sie auch in der Einleitung beschrieben wird: " Zu kennen die Bewohner der Unterwelt, was sie tun und wie sie anzurufen sind", denn nur "wer es weiß, der wird ein seliger Verklärter sein."

Die Stätte der 10. Nachtstunde heißt "Mit tiefem Wasser und hohen Ufern" und handelt vom Schicksal der Ertrunkenen, die ohne Bestattung dennoch auf ein Weiterleben hoffen (unterer Bildstreifen von links nach rechts). Im Wasser schwimmen drei Gruppen von je vier nackten Menschen. Es sind die "Dahintreibenden" - sie schwimmen auf dem Rücken, eine Hand zum Kopf erhoben -, die "Gekenterten" - auf dem Bauch mit ausgestrecken Händen, das Gesicht nach unten - und die "Ausgestreckten" - sie liegen auf dem Rücken, die Arme hängen herab. Auf einen Stab gestützt steht der falkenköpfige Sonnengott vor ihnen und verspricht: "Ihr kommt heraus zur Wasseroberfläche, ihr landet an den Ufern. Euer Leib ist nicht verfault, euer Fleisch ist nicht verwest. Ihr atmet, was ich euch zugewiesen habe. Mögen eure Seelen leben!" Die vier Göttinen mit den feuerspeienden und lichtspendenden Schlangen auf dem Kopf "erleuchten den Weg des Re in der Urfinsternis". Die Reihe der Unterweltsbewohner im oberen Bildstreifen beginnt mit dem Skarabäus, dem Symbol der Morgensonne, als rotgepunktetes Oval schiebt er einer Mistkugel gleich die Unterwelt. Rot gemalte Scheiben stehen für die beiden Sonnenaugen, betreut von je einem Göttinenpaar. Acht Göttinnen, die ersten vier löwenköpfig als Sachmet, der Göttin der Heilkunst, schützen die Sonnenaugen vor Verletzung, unterstützt werden sie von strafenden Göttern und vier mumienförmigen Figuren des Osiris. Die Sonnenbarke wird in dieser Stunde begleitet von einem Falken in einer doppelköpfigen Schlange - es ist die Seele des Totengottes Sokar - und einer falkenköpfigen Schlange in einem Boot - der Seele des Osiris. Zwölf Götter in unterschiedlicher Gestalt und mit Pfeil, Speer und Bogen bewaffnet, bilden die Leibwache des Sonnengottes.

Die elfte Stunde ist die Stunde für die Bestrafung der Verdammten, aber auch die Stunde vor dem Sonnenaufgang. So beginnt die obere Reihe (links) mit dem Sonnengott als "Herr der Zeit", er hat einen Doppelkopf mit den beiden Kronen von Ober- und Unterägypten. Es folgt der Schöpfergott Atum mit Sonnenscheibe, er hält eine geflügelte Schlange mit Beinen. Wenn die Stimme des Sonnengottes ertönt, tritt das Bild des Atum aus der Schlange heraus, danach wird es wieder verschlungen. Sobald der Sonnengott vorbeigefahren ist, werden auch die Sterne als Zeichen der bereits verflossenen Stunden (in korrekten Exemplaren sind es elf, hier nur zehn Sterne) durch die Göttin der Zeit auf einer Schlange hockend. Die folgenden zwölf Götter gehören zur ständigen Begleitung "sie gehen mit diesem großen Gott heraus aus dem Himmel". Vier Göttinnen thronen auf dem Leib von doppelten Uräusschlangen und halten eine Hand vor das Gesicht zum Schutze gegen den Feueratem, der sich gegen die Feinde richtet. Das Schicksal dieser Feinde wird im unteren Register dargestellt. Die ägyptische Hölle ist keine Stätte ständiger Qualen, sondern der vollständigen Zerstörung der Person. In sechs Feuerseen werden die Feinde des Osiris, die im Totengericht für schuldig erklärt worden waren, vernichtet. Der Sonnengott hält einen kurzen Schlangenstab, vor ihm steht eine steil aufgerichtete Schlange. In den Gruben liegen die Feinde, die Leichname der Feinde, die vogelgestaltigen Ba-Seelen, die Schatten, die Köpfe, in die letzte sind die Feinde kopfüber hineingeworfen. Neben den Gruben stehen feuerspeiende Göttinen mit einem Messer. Ort dieses Strafgerichtes ist die Wüste, personifiziert durch vier Göttinnen mit dem Zeichen der Wüste auf dem Kopf und einem Gott "der über seinen (Feuer)Kesseln ist" als Hüter dieses Unterweltsbereiches.

Die Sonnenfahrt nähert sich dem Ende. Die Schlange, in deren Leib sich die Verjüngung vollzieht, wird vielfach gewunden auf den Köpfen von zwölf Göttern, die vor der Barke im mittleren Bildstreifen vorausschreiten, getragen. Der "unnahbare Weg von Sais" heißt dieser Weg zum Osttor der Unterwelt, bewacht von den Göttinen Isis und Nephthys als Uräusschlangen. Auf dem Rücken durch kleine Menschenköpfe personifiziert, transportieren sie die Kronen von Ober- und Unterägypten. Den Schluß bilden vier Gestalten der Neith, der Stadtgöttin von Sais, dem bedeutenden religiösen Zentrum im Delta.
 

Zwölfte Stunde

Morgendliche Neugeburt

Den Aufgang der Sonne in der 12. Stunde hat der Eigentümer dieses Unterweltsbuches nicht dargestellt. Für ihn endet die Reise durch die Ewigkeit in der Anbetung des Osiris, des Herrschers im Totenreich.

Fotos: Gitta Warnemünde
Die Umzeichnungen und Bildunterschriften wurden dem Buch "Nachtfahrt der Sonne" von Erik Hornung entnommen

Home
Home Ägypten
Home Zettelkasten