Feind der Götter, Freund des Königs
Der Gott Seth auf einem Gefäß der Frühzeit

 
Material
Keramik, rot poliert

Datierung:
1. Dyn., um 3000 v.Chr.

Herkunft:
unbekannt

Fotos: Gitta Warnemünde


 
Vorgestellt und erläutert durch Dr. Olivia Zorn
Ägyptische Museen und Sammlungen Berlin
am 5. Mai 2002 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Veröffentlichung des nachfolgendes Textes mit freundlicher Genehmigung der Autorin
Dieser frühzeitliche Teller ist vor kurzem als Schenkung der Tübinger Sammler Marie-Luise Zarnitz und Heinz Pelling in den Sammlungsbestand des Ägyptischen Museums gekommen. Die Aufnahme in die Ausstellung ist Anlaß, dieses vor allem durch ein kleines Detail interessante Objekt näher vorzustellen

Der Teller ist flach und nach innen gewölbt und hat einen leicht wulstförmigen Rand. Die unregelmäßige Ausformung des Tellers weist darauf hin, dass er noch nicht auf einer Töpferscheibe, die erst ab der 4. Dynastie (um 2500 v.Chr.) verwendet wurde, sondern lediglich auf einem Drehuntersatz modelliert wurde. Im Gegensatz zur Töpferscheibe sind die Drehbewegungen auf diesem wegen des Fehlens einer Achse nicht fixiert. An der Unterseite befindet sich eine x-förmige Töpfermarke.

Nach der Trocknung wurde der Teller mit einem roten Überzug versehen, poliert und dann gebrannt. Im letzten Schritt erfolgte die Dekorierung des Gefäßes, die bei diesem - neben dem hervorragenden Erhaltungszustand - besonders interessant ist: auf der Innenseite ist im äußeren Bereich mit schwarzer Farbe ein kleines stehendes, nach rechts blickendes Tier aufgemalt. Der senkrecht nach oben gestreckte Schwanz, die gerade aufgerichteten, sich nach oben leicht verdickenden Ohren und die rüsselartige Schnauze kennzeichnen es als Seth-Tier. Diese Zeichnung gehört zu den ältesten Darstellungen des Gottes Seth.


 
Der Gott Seth

Der ursprünglich Sutech geschriebene Gott Seth ist seit der Frühzeit sowohl in der bildlichen Form als auch mit seiner Namensnennung belegt. Die Herkunft des Wortes ist nicht eindeutig gesichert, die Ägypter selber leiteten aus seinem Namen die Bedeutung "Anstifter des Chaos" bzw. "Zerstörer" ab. So undefinierbar wie sein Name ist auch das ihm zugewiesene Tier. Fast jede ägyptische Gottheit wird mit einem bestimmten Tier identifiziert, dessen Eigenschaften ihr zugeordnet werden. Im Seth-Tier wurden verschiedene Tiere erkannt: Antilope, Wüstenspringmaus, Pinselschwein, Kamel, Okapi, Giraffe, Erdferkel. Es handelt sich aber wahrscheinlich um ein Fabeltier, weil sich auch das durch Seth personifizierte Chaos nicht eindeutig darstellt. 


 

Der Gott tritt in der Regel als Mensch mit Seth-Tierkopf auf - abgesehen von den frühzeitlichen Darstellungen in reiner Tiergestalt
 
 

Zeichnungen aus Manfred Lurker "Lexikon der Götter und Symbole der alten Ägypter"

In den Texten des Alten Reiches wird Seth seine Rolle als "Anstifter des Chaos" zugewiesen. In der Weltschöpfungslehre von Heliopolis gehört er zu den neun Göttern, die am Anfang entstanden: der Urgott Atum taucht aus dem Urgewässer auf und speit seine Kinder Schu (Lufthauch) und Tefnut (Feuchtigkeit) aus. Diese wiederum gebären Geb (Erde) und Nut (Himmel), deren Kindern Osiris, Isis, Seth und Nephtys sind. Osiris wird zum ersten König von Ägypten; sein Bruder Seth, der ihm das Amt neidet, ermordet ihn und nimmt selbst die Königswürde an. Horus, der Sohn von Isis und Osiris, fordert seinen Onkel Seth auf, ihm die Königsherrschaft zurückzugeben als rechtmäßigem Erben seines Vaters Osiris, der - von Isis mumifiziert - zu neuem Leben erweckt wurde. Zwischen Horus und Seth entbrennt ein langer Kampf um die Herrschaft - schriftlich festgehalten in einem Papyrus aus dem Neuen Reich (um 1150 v.Chr.). Der Streit wird schließlich von der Götterversammlung geschlichtet, indem sie Horus als Nachfolger seines Vaters Osiris den Thron Ägyptens zuspricht, während Seth die Herrschaft über die Fremdländer erhält und Osiris die Unterwelt regiert.

 
Der Gott Seth als elementare Kraft des Bösen

Die Ägypter stellten sich die gesamte Welt zweigestaltig vor, d.h. jedes konkrete Objekt und jedes abstrakte Element hat eine Gegenseite, wobei aber nicht jede Seite als ausschließlich böse oder gut bewertet wurde. Ohne dieses System war die Welt für die Ägypter nicht vorstellbar. Deshalb braucht auch die Weltordnung (Maat) das Chaos als Gegenpol, um überhaupt existent sein zu können. Der Gott Seth ist als das personifizierte Böse dieser Gegenpol zur Ordnung und damit der Feind der Götter, allerdings kann er sich als Einziger wirksam dem Chaos entgegenstellen und es besiegen.


 
 

Daher sind die Götter letztendlich auf seine Existenz angewiesen. Indem sie ihm die Herrschaft über die Fremdländer zusprechen, halten sie auf weltlicher Ebene das Böse von Ägypten fern. 
 
 
 

Seth führt Gefangene der Fremdländer vor den König

Reliefs aus der Pyramidenanlage des Sahure
Fotomontage:
oberer Bildteil aus "Antike Welt - Berliner Museumsinsel", von Zabern
unterer Bildteil aus "Ägyptische Kunst in Berlin", von Zabern

Ebenso wie im Diesseits gibt es auch im Jenseits zahllose böse Mächte, angeführt von der gefährlichen Apophis-Schlange, die den Sonnengott vernichten wollen, wenn er in der Nacht mit seiner Barke durch die Unterwelt fährt. Um diese Mächte abzuwehren und zu besiegen, steht ihm der Gott Seth zur Seite.
Dieser ersticht die Apophis-Schlange jede Nacht aufs Neue und sichert damit die Existenz der Götter.

Zeichnung aus Erik Hornung "Die Nachtfahrt der Sonne"

In dieser Rolle erweist sich Seth als Freund der Götter. Aber sein negativer Charakter, der sich in der Mordtat an seinem Bruder Osiris gezeigt hat, wird von den Göttern doch letztendlich immer als Bedrohung angesehen. Dies wird in den Reliefs am Edfu-Tempel deutlich: hier ersticht der Gott Horus den als Nilpferd dargestellten Seth.

 
Der Gott Seth als Freund des Königs

Der Gott Seth verkörpert eine Agressivität, die sich gegen die eigene Macht bedrohende Personen richtet. Verschiedene Könige von der Frühzeit bis zum Ende der ägyptischen Geschichte empfanden diesen Wesenszug des Gottes als vorteilhaft für die eigenen Interessen und zollten ihm deshalb besondere Verehrung. Vor allem in Krisenzeiten, in denen Ägypten von Fremdvölkern bedroht wurde oder die ägyptischen Herrscher selbst ihre Macht ausdehnen wollten, wurde Seth zu einem Freund der Könige. Als Gebieter der Fremdländer konnte er dem König seine Macht übertragen und ihm damit die Herrschaft über die ausländischen Völker sichern.

In der 1. und 2. Dynastie (2965 - 2750 v.Chr.), als sich der ägyptische Staat als Einheit zu formieren beginnt, bezeichnen einige Könige einen Teil ihrer Titulatur nicht als Horusnamen - wie später üblich, sondern als Sethnamen, indem sie als Schutzsymbol das Seth-Tier und nicht den Falken schreiben.
 
 
 
 

Zeichnungen aus Erika Schott "Die Namen der Pharaonen"

oben Horus Ra-neb
unten Seth Per-ib-sen

Auch im Alten Reich /2705 - 2195 v.Chr.) tritt Seth als Freund des Königs auf, wenn er ihm die gefangenen Fremdvölker vorführt. Die kriegerischen, territorialen Erweiterungen zugewandten Könige der 19. und 20. Dynastie (1292 - 1075 v.Chr.) erweisen dem Gott Seth durch seine Erwähnung in ihren Namen (Sethos, Sethnacht) besondere Verehrung und vertrauen damit auf seine freundschaftliche Unterstützung

Seth und Horus bei der symbolischen Vereinigung der beiden Länder
Relief aus dem Totentempel Sesostris' I
aus dem Bildband "Ägypten - Welt der Pharaonen"


 
Der als Kunstwerk des Monats präsentierte Frühzeitteller legt mit seiner kleinen, geradezu unscheinbaren Tierdarstellung erstes Zeugnis ab für die Verehrung eines Gottes wie er zwiespältiger, aber damit auch ägyptischer nicht sein kann.

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