Fröhliche Auferstehung
Eine Sargmaske des Neuen Reiches

 
Datierung: Neues Reich / 21. Dynastie 1300 - 950 v.Chr.
Material: Holz, Reste von Malgrund und braunroter Farbe
Herkunft: Geschenk aus dem Nachlaß des Malers Georg Tappert aus dem Jahre 2001
Vorgestellt und erläutert durch Dr. Hannelore Kischkewitz
Ägyptische Museen und Sammlungen Berlin
am 7. April 2002 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Veröffentlichung des nachfolgendes Textes mit freundlicher Genehmigung der Autorin
Kunstwerk des Monats ist das Gesichtsteil eines Sarges (Sargmaske). Es ist ein Fragment. Die rechte Seite ist zu 2/3 des Volumens weggebrochen. Doch das Gesicht wirkt interessant - trotz und wegen des Bruches, der das Erhaltene gleichsam steigert. Dem Gesicht fehlt alles, was für die Zwecke, für die es in Altägypten hergestellt war, diente: der Sargdeckel als Hintergrund, das Perückenteil als technisch verbindendes Detail zum Deckel, die Farbe, die das Gesicht aus kultisch-magischen Gründen deckte und dem erhofften jenseitigen Leben dienlich war. Geblieben ist etwas Einzigartiges: die pure Holzfläche mit all den Verästelungen und den Ringen im gewachsenen Holz. Man erkennt die technisch perfekte Arbeit des Holzbildhauers, des uns unbekannten Meisters, in dessen Werkstatt neben Särgen auch Gebrauchsgegenstände wie z.B. Gefäße gedrechselt und Skulpturen geschnitzt wurden.

Holzbearbeitungswerkstatt
Grabmalerei aus Beni Hassan

Totenzeremonie
Mumifizierung und Mundöffnungsritual
Malerei aus dem Grab des Roy (TT234)
Die linke Hälfte der Sargmaske gehört zum Deckel eines anthropomorphen - menschengestaltigen - Sarges. Gezeigt wird ein Gesicht, dessen Einzelheiten - besonders im Profil sichtbar - etwas Porträthaftes und Unverwechselbares haben. Die Maserung, die der Holzbildhauer wohl bewußt ausnützte, wohl wissend, dass z.T. pastos aufgetragene Farbschichten die Feinheiten seiner Arbeit zudecken werden, macht es reizvoll. So in der Partie der linken Wange mit den konzentrisch zulaufenden Kreisen der feinen Maserung. Augenbrauche, Augen mit Lidstrich, die schwarze Scheibe der Pupille und die Zeichnung des sensibel geformten Mundes sind für den Maler, der nach dem Bildhauer den nächsten Arbeitsschritt mit der Bemalung zu vollziehen hatte, in Umrißzeichnung angegeben. Das Auge wirkt schwer und tiefliegend, wohl bedingt durch die Vertiefung des Oberlides. Möglicherweise hat der Bildhauer bereits die technischen Voraussetzungen zum Auftragen dicker pastoser Farbschichten gegeben, wie sie z.B. auf den Särgen der 21. Dynastie üblich waren. Die Nase hat einen breiten Nasenrücken und ausgearbeitete Nasenflügel. Tiefe Bohrungen der Nasenlöcher zeigen die "Inbetriebnahme" der Sinne nach dem Vollzug des Mundöffnungsrituals an. Das Philtrum ist gut gekerbt. Der Mund wirkt mit den fülligen Lippen jugendlich, wobei die Oberlippe voller als die Unterlippe ist. Das Kinn vermittelt mit den gut ausgearbeiteten Grübchen etwas Energisches. Das Gesicht war - wie der dazugehörige Sargdeckel und die Sargwanne - bemalt. Auf der Oberfläche finden sich Reste weißen Maluntergrundes und rotbrauner Farbe. Die "Sargmaske" ist im jetzigen Zustand hohl. Im Inneren zeigen sich Fraßspuren von Ameisen. Sie war paßgerecht zum Einfügen auf den Sargdeckel, umgeben von einer Perücke, gearbeitet worden. Die Farbgebung läßt die vage Vermutung zu, dass es sich bei dem ursprünglichen Eigner des Sarges um einen Mann handeln könnte, da Rotbraun als festgelegte Hautfarbe für Männer galt, die gelbe Farbe kennzeichnete Frauen. Doch trifft das eher für Skulpturen zu, nur selten für Särge. Viel eher gibt es "Moden", wie für die Särge mit weißem oder gelbem Untergrund, unabhängig von der Geschlechtszugehörigkeit, wie z.B. in der 21. Dynastie  üblich. Die Details der "Sargmaske" zeigen im heutigen Zustand ohne Bemalung einen Werkprozeß mit Holzschnittarbeiten und Umrißzeichnung von Mund, Auge und Augenbraue in schwarzer Vorzeichnung.
Beispiel eines anthropomorphen Sarges:

Eine Priesterin, spätes Neues Reich

aus "Mumien" von Joyce Tyldesley

Der Zusammenhang

Die "Sargmaske" gehört zu einem anthropomorphen, menschengestaltigen, Sarg. Diese Särge ahmen die Mumiengestalt des Toten nach und sind seit dem ausgehenden Mittleren Reich bzw. seit der 2. Zwischenzeit (ab 1700 v.Chr.) in Gebrauch. Dahinter steht der Mythos der Osiriswerdung jedes einzelnen Verstorbenen, die jedem durch Mumienform und Ritual Schicksalsgleichheit mit dem Gott Osiris, der starb und wieder auferstnd, verheißt. Der anthropomorphe Sarg als Abbild der Mumie bereichert den Kanon der Särge, die seit dem Alten Reich kastenförmig sind und als "Wohnhaus des Toten für die Ewigkeit definiert wurden. Der Sarg wird als Mittler göttlichen Schutzes verstanden. Inschriften auf Deckel und Sargwanne, auch im Inneren, wenden sich daher an besondere Schutzgötter wie Isis und Nut, aber auch an die sogenannten Kanopengötter zum Schutze einzelner Eingeweide und Körperteile. Auch an die Erhaltung des Kopfes wird gedacht. Der Schutz des Kopfes und seine Hervorhebung - galt er doch als Sitz des Lebens - wird bereits im Alten Reich durch eine Totenmaske, die anfangs auf das Gesicht aufgelegt wird, betont. Erinnert sei auch an die Sitte der Ersatzköpfe in den Grabschächten der hohen Beamten, die die Rolle vollständiger Skulpturen erfüllten. So ist die Übernahme des Kopfes in die Sargform - als Grundzug der menschengestaltigen Särge - nur ein kleiner Schritt, zumal die Osiriswerdung des Menschen als Jenseitshoffnung auch nach einer menschengestaltigen, der Osiris-Mumie ähnlichen äußeren Hülle verlangte. Dieser Schritt vollzog sich anscheinend in der 12. Dynastie und setzte sich in der 2. Zwischenzeit als sogenannte "Rischi" (Feder) für Mitglieder der königlichen Familie durch. Die neue Sargform mit dem menschlichen Gesicht bildet die Mumie wie ein Rundbild nach. Damit wird eine weitere Form gefunden, der Gestalt des Toten ewige Dauer zu geben, die im Alten Reich mit einer Modellierung des Toten in Gips und den wenigen frühen Formen der Mumienmasken begonnen hatte. Der Bildnischarakter des Sarges tritt im Verlaufe des Neuen Reihes noch stärker hervor, wenn der Sargeigner in der Tracht des Alltags, also der der Lebenden, wiedergegeben wird. Die Form der anthropomorphen Särge wird bis an das Ende der ägyptischen Religion bzw. deren Bestattungsformen, also auch noch im römischen Ägypten verwendet. Von einer besonderen Sitte, die sich aus der Auffassung vom Sarg als Bildnis des Toten herleitet, weiß Diodor zu berichten. Die Ägypter, so sagt er, würden die Särge ihrer Angehörigen wie Bildnisse betrachten.

Die "Sargmaske" ist wesentlich älter und könnte ebensogut Teil eines sogenannten Scheindeckels gewesen sein, der anstelle der Mumienmaske und eines inneren Sarges auf die Mumie gelegt wurde. Diese Scheindeckel - nur in der 19. / 20. Dynastie (um 1200 v.Chr.) gebräuchlich - haben auch die Funktion eines inneren Sarges. Der Verstorbene erscheint stark porträthaft, gekleidet in die Festtracht, wie ein Lebender. Bei den Frauen hängen oft die ringgeschmückten Hände und Arme herunter oder sind mit einer Ackerwinde als Symbol der Dauer versehen. Bei den Männern liegen die Arme und Hände auf der Tracht, wie auf zeitgenössischen Sarkophagdeckeln. In der ausgehenden 19. Dynastie verlieren die Scheindeckel ihr Aussehen als Darstellung der Lebenden. Die Oberfläche wird jetzt mit Texten (Anrufungen von Göttern), Opferszenen und Götterdarstellungen versehen. Hände und Arme sind über der Brust gekreuzt. Die anthropomorphen Särge der 21. Dynastie ähneln diesen Sargdeckeln. Texte mit Götteranrufungen, Bilder mythischer Szenen, auch das Totengericht als Dekor, schmücken die Oberfläche. Eine Perücke umrahmt ein Gesicht mit genormten freundlichen Zügen. Die gekreuzten Arme ragen aus breiten Halskragen hervor. Die Särge sind von großer Farbigkeit, stark dekoriert, mit einer Tendenz zum horror vacui. Das dürfte der Rahmen sein, in den zeitlich und formal die "Sargmaske" als Teil eines Bestattungsmöbels zuzuordnen wäre.

Die Herkunft
(nach aMun, 4. Jahrgang, Heft Nr. 12, S. 34 f.)

Die "Sargmaske" stammt aus der Sammlung des expressionistischen Malers Georg Tappert (1880 - 1957) und wurde dem Ägyptischen Museum durch dessen Witwe Frau Annalise Tappert übereignet. "... Die Maske stellt in ihrer hohen künstlerischen Qualität eine wertvolle Bereicherung des Bestandes des Ägyptischen Museums dar. Ihren besonderen Wert erhält sie durch ihre Beziehungen zum Expressionismus. Sie ist eines der wenigen Belegstücke für ägyptische Kunst in der Strömung des Primitivismus in der Moderne." (Dietrich Wildung in aMum, Heft Nr. 12, S. 35).

Georg Tappert gehörte zu den Initiatoren der Neuen Sezession und lehrte an der Königlichen Kunsthochschule. Er sammelte "Stammeskunst" aus Afrika und Ozeanien und Werke buddhistischer Kunsttradition. Als ihm die Nationalsozialisten Lehrverbot erteilten, mußte er seine Sammlung verkaufen. Die altägyptische "Sargmaske" wurde über die Kriegszeit gerettet. Wahrscheinlich war das Sarggesicht ein Geschenk für den Maler Georg Tappert, das ihm von seiner ersten Frau Kathleen Bagot, der Tochter eines englischen Marineoffiziers, gemacht worden war.

Dr. Hannelore Kischkewitz


 
Exkurs - Die Bedeutung des unversehrten Kopfes und der Sarg- bzw. Mumienmaske für das Weiterleben nach dem Tod.

Zitat aus "Tod und Jenseits im Alten Ägypten", Jan Assmann:

Die Mumienmaske ist also keine "Maske" im Sinne der Dissimulation, der Verhüllung wahrer Identität, sondern der "Kopf eines Gottes", den der Verstorbene erhält, um mit seiner Hilfe als Gott sehen und handeln zu können. Was die Wendung "du siehst mit dem Kopf eines Gottes" bedeuten soll, ergibt sich aus dem 151. Kapitel des Totenbuchs, das von der Mumifizierung des Toten handelt. Hier gibt es einen Spruch zur Mumienmaske, überschrieben "Spruch für den geheimen Kopf" oder "den Kopf des Geheimnisses":

Es spricht Anubis, der Balsamierer, Gebieter der Gotteshalle,
wenn er seine Hände auf den Sarg des NN gelegt
und ihn ausgerüstet hat mit dem, was (er) braucht:

Sei gegrüßt, Schöngesichtiger, Herr des Schauens,
den Ptah-Sokar zusammengefügt und Anubis erhöht hat,
dem Schu Unterstützung (Auftrieb, Aufrichtung) gab,
Schöngesichtiger unter den Göttern!

Dein rechtes Auge ist die Nachtbarke,
dein linkes Auge ist die Tagbarke,
deine Augenbrauen sind die Götterneunheit.
Dein Scheitel ist Anubis,
dein Hinterkopf ist Horus,
deine Haarlocke ist Ptah-Sokar.

Du (Maske) bist vor NN, durch dich sieht er.
(Du) leitest ihn zu den guten Wegen,
du schlägst für ihn die Bande des Seth zurück
und wirfst für ihn seine Feinde unter seine Füße
vor der großen Neunheit im großen Fürstenhaus in Heliopolis.
Du trittst den guten Weg an vor Horus, dem Herrn der Vornehmen.

(nach Hornung)


 
Fotos: Gitta Warnemünde, mit Ausnahme der umgezeichneten Grabmalereien (entnommen dem Bildband "Bilderwelten und Weltbilder der Pharaonen", von Zabern)
und des Phtotos des anthropomorphen Sarges der Priesterin

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