Göttliche Herrscher

 
Grabmalereien aus Theben
Malerei auf Lehmverputz
aus Theben, Deir el-Medina
Grab TT 359
20. Dynastie, um 1187-1150 v.Chr.
Inv. 2060, 2061
Vorgestellt und erläutert durch Dr. Hannelore Kischkewitz
Ägyptische Museen und Sammlungen Berlin
in Vertretung für Professor Dietrich Wildung
am 6. Januar 2002 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Veröffentlichung des nachfolgendes Textes mit freundlicher Genehmigung des Autors

 
Königsliste aus dem Grab des In-her-chaui, Deir-al-Medina

 
Eine andere Eroberung ist mir heute gelungen, die mir doppelte Freude macht, weil sie nicht nur mit unsäglicher Mühe zu bewerkstelligen war und ein Monument vollkommenster Erhaltung zu Tage gefördert hat, das in unseren Museen schwerlich seines Gleichen finden wird. In dem tiefen Schachte öffnet sich eine Grabkammer. An den Seiten der inneren Thür ist rechts der König Amenophis I und links dessen Mutter Ahmes-nufre-ari abgebildet. Diese Figuren, welche die ganze Wand einnahmen, wünschte ich abzulösen. Zu diesem Ende mußte ich aber ringsum die Ziegelmauern durchbrechen. So ist es heute nach mühseliger Arbeit endlich gelungen, den ganzen Stuck aus der Grabeshöhle heraus zu schaffen.

Mit diesem Worten schildert Richard Lepsius Anfang Januar 1845 die Bergung von zwei großformatigen Wandmalereien im Grab des In-her-chaui (TT 359) in Deir el-Medina in Theben-West. Schon damals wurde sein Vorgehen lebhaft kritisiert, und Lepsius äußerst sich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen:

Namentlich hat man uns einen Zerstörungseifer zugeschrieben, der unter den angegebenen Umständen eine eigentümliche Barbarei bei unserer Gesellschaft voraussetzen würde. Denn, da wir alle Monumente, welche größtentheils vorher ganz unsichtbar waren, nicht wie manche Rivalen in Eile, bei Nacht und mit bestochener Hülfe, sondern mit Muße und offener Unterstützung der Behörden, sowie unter den Augen zahlreicher Reisenden, ausgraben und wegschaffen ließen, so würde allerdings jede Rücksichtslosigkeit gegen die zurückbleibenden Denkmäler, deren Theil sie etwa bildeten, umso tadelnswerter gewesen, je leichter sie zu vermeiden war. Über den Werth der einzelnen Denkmäler durften wir uns aber wohl ein richtigeres Urtheil zutrauen, als der größte Theil der gewöhnlichen Reisenden oder Sammler zu besitzen pflegt, und waren endlich auch nicht in Gefahr, uns dieses durch persönlichen Eigennutz trüben zu lassen, da wir nicht für uns selbst, sondern im Auftrage unserer Regierung für das Königl. Museum in Berlin, also zum Besten der Wissenschaft und für ein wißbegieriges Publikum unsere Auswahl der Monumente trafen. Übrigens würde es von einer gänzlichen Unwissenheit über die heutigen ägyptischen Verhältnisse zeugen, wenn jemand nicht wünschen sollte, daß von den ebenso kostbaren als in ihrer Heimath mißachteten und noch täglich in Masse zerstörten Schätzen jener Länder möglichst viel in die öffentlichen Museen Europas gerettet würde.

Vor dem Hintergrund der staatlich sanktionierten systematischen Zerstörung der antiken Denkmäler in Ägypten bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ist Richard Lepsius' Argumentation verständlich und stichhaltig. In der heutigen Situation der Denkmalpflege in Ägypten sind Pflege und Schutz der in situ erhaltenen Werke die Leitlinien der archäologischen Arbeit.

Die beiden Wandmalereien, beiderseits der Tür zur Sargkammer angebracht, stammen aus dem Grab des In-her-chaui in Deir el-Medina, dem Wohn- und Arbeitsort der Bildhauer, Maler und Handwerker, die während des ganzen Neuen Reiches (1540-1075 v.Chr.) die Gräber im Tal der Könige herstellten. In-her-chaui lebte unter den Königen Ramses III. und IV. (1187-1150 v.Chr.). Der Stil der Malereien, die schlanken Proportionen der Figuren, die Wahl der Farben und die Ikonographie (Tracht, Insignien) entsprechen ganz der Kunst der späteren Ramessidenzeit.

Die in den beiden Malereien dargestellten königlichen Personen sind jedoch durch ihre hieroglyphischen Beischriften als König Amenophis I. und seine Mutter Ahmes-Nefertari ausgewiesen, die vier Jahrhunderte früher, um 1540-1493 v.Chr. regierten. Einzelheiten der beiden Bilder - die Lebenszeichen in der herabhängenden Hand, die Sonnenscheibe über dem Kopf des Königs, die goldene Geierhaube der Königsmutter - weisen darauf hin, dass nicht die lebenden Personen dargestellt sind, sondern zu Göttern erhobene Herrscher alter Zeit. Amenophis I. und seine Familie, zurück bis zu den Vorgängern Kamose und Ahmose, werden als Begründer des Neuen Reiches, die Ägypten zu neuer weltpolitischer Bedeutung führten, göttlich verehrt. Diese Verehrung ist weitgehend auf Theben, die Heimat dieser Gründerkönige, beschränkt und konzentriert sich auf Deir el-Medina. Hier wurden den vergöttlichten Mitgliedern des Königshauses, insbesondere Amenophis I. und Ahmes-Nefertati, Kapellen mit Kultstatuen errichtet. Die Statue in der Vitrine in der Raummitte stellt Ahmes-Nefertari dar und dürfte aus einem dieser kleinen Heiligtümer stammen.

In-her-chaui hatte ein besonderes Interesse an der Verehrung der Herrscher der Vergangenheit. Im Vorraum seines Grabes lässt er sich beim Gebet vor zwei Reihen von Mitgliedern des Königshauses des frühen Neuen Reiches darstellen, an deren Spitze oben Amenophis I., unten Ahmes-Nefertari dargestellt sind, deren Hautfarbe wie im Berliner Wandbild schwarz ist, ein Hinweis auf ihre Funktion als Göttin des Jenseits und der Auferstehung.

Durch unsachgemäße Restaurierung und durch die mehrfachen Umlagerungen nach dem Krieg hatten die Malereien stark gelitten. Die restauratorische Überarbeitung durch die junge Berliner Restauratorin A. Teufel trennt Originalbefund und Fehlstellen und gibt den Bildern ihre ursprüngliche Farbigkeit zurück.

Professor Dietrich Wildung

Fotos: Gitta Warnemünde
Die Darstellung der Königsliste wurde Heft 7 der SAS "Im Zeichen des Mondes" entnommen.

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