Kunstwerk des Monats Dezember 2001

 
Zwischen Himmel und Erde
Relief aus dem Sonnentempel in Abu Gurob
Kalkstein, bemalt
Jahreszeitenkammer aus dem Sonnentempel des Königs Neuserre
Altes Reich, 5. Dynastie, um 2375 v.Chr.
erworben 1902
(Grabung königliche Museen Berlin)

Inv.Nr. 20037

Vorgestellt und erläutert durch Dr. Hannelore Kischkewitz
Ägyptische Museen und Sammlungen Berlin
am 3. Dezember 2001 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Veröffentlichung des nachfolgendes Textes mit freundlicher Genehmigung der Autorin

 

oberes Register unteres Register

"Klappschulter" Szenen vom unteren Reliefrand
Darstellung

Das Relief besteht aus zwei anscheinend nicht zusammengehörenden Szenen, deren verbindendes Element wohl die Jahreszeit ist, in der sie stattfinden. Es ist dies die Schemu-Zeit, die Frühjahrszeit mit dem Bau von Papyrusbooten (unten) und dem Hinweis auf die Brunftzeit der Tiere (oben): drei als Priester des Sonnenheiligtums bezeichnete Männer treiben sorgsam Pelikane vor sich her. Die dazugehörige Inschrift liefert die Erklärung: "Verbringt die Unterweltsonne die Nacht in derTempeldomäne (Hinweis auf eine Kulthandlung?), so wird nicht zugelassen, dass gepaart wird. Wenn sich der Himmer öffnet (bei Sonnenaufgang), wird dem Schöpfungswillen freie Bahn gegeben. Dann regiert er wieder alle Phallen und Vulven". Das bedeutet: im Tempel lebende, also halb domestizierte Pelikane wurden bei Sonnenuntergang von den Weibchen getrennt. Sie durften sich erst paaren, wenn derSonnengott am Morgen erschienen war.

Die Pelikane sind im Profil und in großer Naturnähe wiedergegeben, ganz im Gegensatz zu den handelnden Menschen. Die Männer widmen sich mit großer Intensität den Tieren. Das soll bleibend dokumentiert werden. Um die vorgegebenen Stilvorschriften nicht zu verletzen, die eine Vorderansicht des Oberkörpers vorschreiben, wurde als Lösung für die Darstellung von Bewegung im Flachbild die "Klappschulter" erfunden, oft im Alten Reich bei Szenen arbeitender Menschen angewandt. Die Reihung Pelikan - Mensch ist ausgewogen. Rechts sieht man brütende Vögel. Die religiöse Bedeutung des Pelikans ist unklar. Die wenigen, meist den Pyramidentexten des Alten Reiches oder den Sargtexten des Mittleren Reiches entstammenden Belege verweisen auf seine Rolle in den Jenseitsvorstellungen: als Göttin, als Seher, als Mutter des Toten, selbst stellvertretend für den Verstorbenen. Pelikane haben in pharaonischen Zeiten im fischreichen Delta gebrütet. Sie sind im heutigen Ägypten Zugvögel.

Im unteren Register wird der Bau von leichten und sehr gebräuchlichen Papyrusbooten gezeigt, wobei die "Werft" an einem Nilarm im Delta zu lokalisieren ist, wie die Inschrift bestätigt und die Wasserlinien verdeutlichen: "Zusammenbinden von Papyrusbooten durch die Deltabewohner". Links ragen aus dem Gewässer Papyruspflanzen auf. Der Vorgang des Bootsbaues wird detailliert wie in der Momentaufnahme geschildert: zwei Boote sind in Areit, sechs Männer daran beteiligt. Je drei arbeiten in gut abgestimmten Abläufen an einem Boot. Jeweils zwei unterkeilte Hölzer erleichtern das Montieren der Papyrusbündel. Sie drücken ausserdem Bug und Heck nach oben zur perfekten Form. Mit braunen Seilen werden die grünen Papyrusbündel aneinandergepresst. Vier der Männer sind nackt, ihre Stirnhaare geschoren, ein Verweis auf ethnische Zugehörigkeit zu den Bewohnern des Deltas. Zwei Männer tragen lose gebundene Schurze und Perücken, sicher kein Zeichen einer höheren Schicht. Denn alle Männer verrichten die gleiche kraftraubende Arbeit, vom Künstler mit Präzision wiedergegeben. Am unteren Rand des Reliefs wird das Leben im Wüstenbereich geschildert. Im hügeligen gras- und baumbestandenen Gelände bringen zwei Zorillaweibchen (eine Stinkmarderart, bezeichnet als das "überriechende Zorilla") ihre Jungen zur Welt und Antilopen äsen an einem Baum oder huschen witternd umher.

Doppelstatue des Neuserre Rekonstruktion des Sonnenheiligtums in Abu Gurob
Die Sonnentempel (Sonnenheiligtümer)

Mit Beginn der 5. Dynastie wurde in einer weitgreifenden geistigen und gesellschaftspolitischen Bewegung die Rolle des Königs neu definiert, als Sohnesverhältnis zum Sonnengott Re in direkter Abstammung erkannt und dogmatisch als 5. Titel der Königstitulator ("Sohne des Re") festgelegt. Diese Formulierung kam keiner Beeinträchtigung der königlichen Macht gleich, sondern bedeutete eine Unterordnung unter eine mythologisch ältere göttliche Kraft. Häufig werden nun die Namen der Könige mit dem theophoren Element "Re" gebildet. Das neue Denken hat bauliche, also sichtbare Auswirkungen. Angefangen bei Userkaf, dem ersten König der 5. Dynastie (2450 v.Chr.), errichten die Könige ihrem göttlichen Vater Re einen Sonnentempel (Sonnenheiligtum). Nur zwei, der des Userkaf und der des Neuserre konnten ausgegraben werden. Fünf weitere sind dem Namen nach bekannt. Sie heißen: Festung des Re, Opferfeld des Re, Lieblingsplatz des Re, Herzensfrieden des Re, Freude des Re, Feld des Re.

Zwischen dem Totentempel des Königs und dem Sonnenheiligtum besteht Sichtverbindung, beide sind kultisch von der Residenz erreichbar. Daher werden unter den Nachfolgern des Userkaf auch Nekropole und Residenz nach Abusir verlegt. In ihrer baulichen Struktur stehen die Sonnenheiligtümer den "Häusern für die Ewigkeit", den Tempelanlagen der verstorbenen Könige, näher: beide bestehen aus Taltempel, Aufweg und Verehrungstempel und beide Bautypen sind aus Stein und nicht wie die Göttertempel aus Ziegeln errichtet. Wirtschaftlich waren die Totentempel der Könige von den Sonnenheiligtümern abhängig, wie aus den Abrechnungen des Totentempels des Königs Neferirkare hervorgeht.

Die Sonnenheiligtümer waren als kultischer Platz für die Verehrung des göttlichen Vaters Re den Totentempeln für den Kult des Königs, des göttlichen Sohnes des Re, übergeordnet. Beide Tempelformen sind nach Westen ausgerichtet, sie liegen am westlichen Wüstenrand. So ist es denkbar, im Sonnenheiligtum einen Totentempel für den Gott Re zu erkennen, speziell einen Tempel für die untergehende Sonne. die - wie man beobachten konnte - im Horizont in der westlichen Wüste versank. Für den König erfüllte sich hier die Hoffnung, durch das tägliche Ritual das Schicksal seines Vaters Re mitzuerleben: den Eintritt in den westlichen Horizont, den Aufstieg zum Nordhimmel, die Fahrt in der Nachtbarke und das Wiedererscheinen am Osthimmel am nächsten Tag - letztlich Gedanken der Unterweltsbücher zum Gebrauch der Könige des Neuen Reiches 1000 Jahre später. Die Regeneration des Königs wurde ebenfalls thematisiert, und zwar in den Reliefszenen zum 30. Regierungsjubiläum (Heb-sed), weniger als ideelle Vorstellung, denn als Wiedergabe von kultischem Brauchtum.

Der Sonnentempel des Königs Neuserre und die Jahreszeitenkammer

König Neuserre war der 6. König der 5. Dynastie (2390 v.Chr.). Er hat in ca. 500 m Entfernung im Norden seines Totentempels das Sonnenheiligtum "Lustort des Re" erbaut. Als Ziegelbau angelegt, wurde er umgewandelt in einen Steinbau mit Taltempel, Aufweg und einem nach Norden ausgerichteten oberen Tempel mit weitem offenen Hof. Dort erhob sich auf einem 20 m hohen Sockel ein 36 m hoher gemauerter Obelisk. Zu dem eindrucksvollen Architekturensemble gehörte auch ein 30 m langes "Boot des Re", aus Ziegelsteinen nachgebaut, versehen mit Holzplanken und Deckaufbau. Vor dem Obeliskenpodium stand ein Altar aus Alabaster, an welchem dem Gott Re von allen 4 Seiten (Himmelsrichtungen) geopfert wurde. Dazu gehörten zwei Schlachtopferhöfe mit großen Kalksteinbecken. Ein gedeckter Gang führte die Südseite entlang, dekoriert mit den prachtvollen Reliefs der "großen Festdarstellung". Eine kleine Kapelle stand vor dem Eingang zum Sockel, mit Reliefs der Tempelgründung und des königlichen Jubiläumsfestes geschmückt. Den Eingang zum Sockel bildete ein kapellenartiger Gang in bemaltem Relief mit Darstellungen von zwei Jahreszeiten, Schemu (Erntezeit, Frühjahr, Sommer) und Achet (Überschwemmung, Herbst, Winter). Peret, die dritte ägyptische Jahreszeit, fehlt. Gegenübergestellt werden auf einer je 14,15 m langen Wand (Ostwand - Westwand) und einem ca. 150 m hohen schwarzen Sockel der Sommer und der Winter, das Leben in der Natur mit verschiedenen Tätigkeiten in der Landwirtschaft. Schwer lesbare hieroglyphische Beischriften bringen eine Erklärung der Bilder in Kurzform. Jeweils eine Gottheit führt die Jahreszeit an. Andere Götter symbolisieren Fruchtbarkeit. In der Achet-Jahreszeit werden Tiere bei der Paarung dargestellt. Unter den Vögeln finden sich ornithologisch genau wiedergegebene Arten, die nur zu bestimmten Jahreszeiten als Zugvögel in Ägypten zu beobachten sind. Auch die Gewinnung von Honig ist eine an diese Jahreszeit gebundene Tätigkeit. In der Schemu-Jahreszeit werfen die Wüstentiere ihre Jungen. Die Darstellungen sind von eindrucksvoller Beobachtungsgabe. Unter den Fischen im Wasserstreifen, der den Nil darstellt, finden sich auch noch heute gebräuchliche Fischarten, die nur einmal im Jahr zum Laichen in den Nil kommen. Diese Reliefs sind wie ein zum Bilde gewordener Hymnus an den Sonnengott, ein Mittel, die Präsenz des Sonnengottes Re auf Erden zu dokumentieren. Der Gott manifestiert sich im Leben der Natur, der Tiere, Pflanzen und Menschen. Ein Jahrtausend später wurde im berühmten Sonnengesang des Echnaton dieses Bild in Worte umgesetzt: "Deine Strahlen erreichen das Innere des Meeres. Du hast die Erde geschaffen nach deinem Wunsch, mit Menschen, Vieh und allem Getier...".

Die Szenen in dem nahezu unbeleuchteten Gang waren kein Gegenstand frommer Betrachtung und nur wenigen zugänglich als magischer Ort, der die waltenden Kräfte des Sonnengottes im Bilde festhielt.

Die Erwerbung

Von 1898 bis 1901 wurde im Auftrag der Königlichen Museen zu Berlin auf dem Ruinenfeld von Abu Gurob, gelegen zwischen Giza und Sakkara, gegraben. Freiherr F.W. v. Bissing finanzierte die Grabungen, Ludwig Borchardt und Heinrich Schäfer führten sie durch. 1902 wurde der Fund in den Bestand des Ägyptischen Museums überführt.

Dr. Hannelore Kischkewitz

Foto: Gitta Warnemünde
Die Rekonstruktion des Sonnenheiligtums wurde dem "Bildatlas der Weltkulturen - Ägypten" entnommen.

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