Als Syrer in Ägypten sterben
Ein Grabstein aus Saqqara
Vorgestellt und erläutert durch Dr. Katja Lembke
Ägyptische Museen und Sammlungen Berlin
am 02. November 2003 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Veröffentlichung des nachfolgendes Textes mit freundlicher Genehmigung der Autorin

 



Ausländer und ihre Integration liefern heute in Deutschland und besonders in Berlin Stoff für brisante politische Diskussionen. Eine Grabstele aus Saqqara, wenige Kilometer südlich von Kairo gelegen, zeigt uns, daß wir es mit einem alten Thema zu tun haben. Das Stück wurde Opfer des 2. Weltkriegs, als Bomben zentrale Auslagerungsorte der Berliner Museen verwüsteten. Hier präsentieren wir eine Kopie, die dank der Zusammenarbeit mit der Gipsformerei aus einer vor dem Krieg abgenommenen Form gewonnen wurde.

Die Stele trägt die Inventarnummer 7707, ist 52 cm hoch und 33 cm breit. Das Original bestand aus weißem Kalkstein und wurde erstmals 1877 von dem damaligen Museumsdirektor Richard Lepsius publiziert. Schon ihm fiel auf, daß die Frisuren mit der nach außen gerichteten Welle nicht ägyptisch, sondern vielmehr syrisch sind. Weiter schrieb M. Burchardt im Jahr 1911: "Die Ausführung ist recht roh und mutet einen als unägyptische Arbeit an."

Unägyptisch ist nicht nur die Haartracht, sondern auch die Inschrift im unteren Bereich der Stele. Es handelt sich um das damals in Syrien und Palästina verbreitete Aramäisch, worin geschrieben steht: "«Gesegnet seien Abba, der Sohn des Hor, und Achatabu, die Tochter des Adiyah, alle beide aus der Stadt Chastemeh vor Osiris, dem Gott!» Also sprach Absali, der Sohn des Abba, dessen Mutter Achatabu war, im Monat des Mechir des Jahres 4 von Xerxes, dem König ..." Die Namen aller Familienmitglieder deuten auf ihre syrische Herkunft hin. Offenbar stammten die beiden Verstorbenen aus Söldnerfamilien, denn die Stadt Chastemeh - zu übersetzen als „Wüstengebiet der Tjemehu-Libyer" - ist vermutlich mit Marea, der am Mittelmeer gelegenen Grenzfestung nach Libyen, zu identifizieren. Dank der Angabe des Datums können wir die Stele in die Monate Mai/Juni des Jahres 482 v. Chr. datieren. Damals befand sich das Nilland unter der Herrschaft der Perser, die 525 v. Chr. Ägypten erobert hatten und erst 401 v. Chr. vertrieben werden konnten.

In dieser Epoche, in der das ferne Persepolis die Hauptstadt Ägyptens war, gab es in Saqqara eine syrische Kolonie, die sich in ihrem Äußeren und in der Sprache deutlich von den Ägyptern unterschied. Interessant ist aber, daß die Verstorbenen im oberen Bildfeld der Stele nicht eigenen Göttern huldigen, sondem den sitzenden Osiris sowie Isis und Nephthys anbeten. In ungeordneten Zeilen befindet sich zwischen den Dargestellten eine weitere Inschrift, die diesmal in Hieroglyphen ausgeführt ist: "Ein Opfer, das der König gibt, für Osiris, dem Ersten der Westlichen, dem großen Gott, dem Herrn von Abydos. Er gebe ein schönes Begräbnis in der Nekropole und einen guten Namen auf Erden der bei dem großen Gott, dem Herrn des Himmels, geehrten Achatabu." Abgesehen von dem Namen der Verstorbenen, der korrekt aus dem Aramäischen in die Hieroglyphenschrift übertragen wurde, handelt es sich um einen "klassischen" Text, wie er gemeinhin auf ägyptischen Grabstelen erscheint.

Auch die Szene im mittleren Bildfeld ist typisch ägyptisch. Hier liegen die beiden Verstorbenen auf Balsamierungstischen, über die sich jeweils der Gott Anubis mit einem Salbgefäß beugt. Doch fast unmerklich sind in diese Szene fremde Elemente eingestreut. So stehen an den Kopf- und Fußenden der Tische drei klagende Personen, deren Frisur sie als Syrer kennzeichnet. Ebenfalls aus dem Vorderen Orient stammen die Gefäße unter den Tischen.

Im unteren Register schließlich sind die klagenden Verwandten dargestellt, die sich trauernd die Haare raufen. Auch sie sind wie Ägypter gekleidet, unterscheiden sich von ihnen aber in der Frisur.
Eine ähnliche Darstellung unbekannten Fundorts befindet sich im Museo Egizio des Vatikans. Auch hier spielen Einbalsamierung und Totenklage eine wichtige Rolle, doch anstelle der Verehrung ägyptischer Götter werden Speiseopfer und Libationen dargebracht. Im unteren Register erscheint eine Prozession mit Götterstandarten und Emblemen. Wie die Berliner Stele trägt der Grabstein im Vatikan eine aramäische Inschrift: „Anchhapi, Sohn der Tachebes, der Treffliche des Gottes Osiris."
Die Stele im Vatikan beleuchtet auch, wie ungewöhnlich das Berliner Exemplar ist: Im Unterschied zum Grabstein des Anchhapi, ja zu allen anderen aramäisch beschrifteten Stelen aus Ägypten ist seine Herkunft bekannt und die Datierung gesichert. Als weitere Besonderheit ist sie zweisprachig beschriftet, übernimmt ägyptisches Gedankengut also nicht nur in der Ikonographie, sondern auch in der Inschrift.


Was sagen uns also diese Grabstelen über das Leben der Syrer in Ägypten während der Perserherrschaft? In ihrem Habitus werden sie Wert auf Abgrenzung gelegt haben, auch ihren Hausrat importierten sie wenigstens teilweise aus ihrem Heimatland. Andererseits übernahmen sie die Religion ihres Gastlands und verehrten Osiris als Gott der Toten, ja sogar die Mumifizierung haben sie praktiziert. Insofern ist Burchardts Urteil, daß die Ausführung unägyptisch sei, zu revidieren: Sie ist sogar ganz ägyptisch, nimmt aber auf Wunsch der Auftraggeber fremde Elemente auf.

Ob nun ein syrischer Bildhauer in einem ägyptischen Atelier sein Handwerk gelernt hat oder ein mäßig begabter ägyptischer Handwerker Auftragsarbeiten für die syrische Klientel ausführte, ist heute nicht mehr zu entscheiden. Wichtig ist vielmehr, daß die Stele ein zentrales Beispiel für die weitgehende Akkulturation der Syrer in Ägypten ist. Nur in ihrer äußeren Erscheinung unterschieden sie sich, offiziell aber gerierten sie sich wie Einheimische, selbst unter Verlust der eigenen Religion und Riten.


Fotos: Gitta Warnemünde (die Umzeichnung wurde dem Begleittext entnommen)