Hahn im Korb
Bildhauerstudien für Tierbilder
Vorgestellt und erläutert durch Dr. Olivia Zorn
Ägyptische Museen und Sammlungen Berlin
am 05. Oktober 2003 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Veröffentlichung des nachfolgendes Textes mit freundlicher Genehmigung der Autorin




 
Grabrelief

Material: Kalkstein

Datierung:
Spätzeit, 30. Dynastie, um 360 v.Chr.

Herkunft: vermutlich Memphis

Inv.-Nr. 23001


Das Relief war Teil einer Grabwand, die mit einer in der 30. Dynastie beliebten Szene dekoriert war: vor dem am linken Rand auf einem Hocker sitzenden Grabherrn zieht eine Gruppe Musiker auf. Bei diesem Berliner Objekt sind nur noch der Verstorbene und ein Harfenspieler erhalten. Ein Parallelstück aus einem memphitischen Grab zeigt die gesamte Musikergruppe.



Hinter dem Harfner steht eine Trommelspielerin, gefolgt von zwei Frauen, die den Rhythmus klatschen. Im hinteren Bereich schließen eine Leier- und eine Lautenspielerin das Musikensemble ab.

Obwohl das Berliner Relief nur fragmentarisch erhalten ist, wird durch ein kleines Detail das Interesse des Betrachters geweckt. Anstelle eines großen Blumengebindes steht zu Füßen des Grabherrn ein sehr sorgfältig gearbeiteter Hahn. Hähne und Hühner sind in Ägypten sehr selten belegt und werden fast nie dargestellt.

Die ersten Hühner kamen vermutlich erst im Neuen Reich (1540-1070 v. Chr.) nach Ägypten durch die Eroberungszüge der Pharaonen nach Syrien und Palästina. In der Tributliste für Thutmosis III. (1479-1426 v. Chr.) im Karnaktempel werden diese exotischen Raritäten aus asiatischen Ländern als „Vögel, die täglich gebären (= Eier legen)" bezeichnet. Als Haus- und Nutztier setzt sich das Huhn aber in Ägypten nicht durch. In den zahlreichen Vogeldarstellungen auf Grabwänden und den Abbildungen von Geflügelhöfen findet sich fast nie ein Huhn. Lediglich die Darstellung eines Hahnes mit zwei Küken auf einer Silberschale ist ein bildlicher Beleg für die seltene Nutzhaltung von Hühnern. Der Bedarf an Geflügelfleisch wurde durch verschiedene Gänsearten - die auch Eierlieferanten waren -, Enten, Kraniche und Tauben gedeckt.

Die genaue Darstellung verschiedener Vogelarten war ein besonderes Anliegen der ägyptischen Künstler. Zahlreiche erhaltene detaillierte Zeichenstudien dienten den Bildhauern als Vorlage für die Grabreliefs. Unter diesen finden sich auch zwei Hähne. Der eine ist von leichter Hand in wenigen Strichen auf eine Kalksteinscherbe gemalt worden. Der andere ist nach allen Regeln der ägyptischen Flachbildkunst in ein vorgegebenes Rastersystem gezeichnet. Dieses ermöglichte später die genaue Übertragung der Vorlage auf ihren Bestimmungsort. Letzterer hätte als Modell für den Hahn des Berliner Reliefs dienen können, betrachtet man bei beiden das fein gezeichnete Gefieder, den buschigen Schwanz und den aufgestellten Hahnenkamm.

In der ausgehenden Spätzeit, aus der das Berliner Relief stammt, wurden Hühner und Hähne durch persischen und später griechischen Einfluß beliebte Hausgenossen. Trotz ihrer vermehrten inschriftlichen Erwähnung als gmt (ägypt.: „Picken") bleiben sie in den Darstellungen selten. Im Grab des Petosiris in Tuna el-Gebel (Mittelägypten) werden neben verschiedenen Geflügel- und Wildtieren auch zwei Hähne als Opfergaben für den Grabherrn gebracht.



Hähne wurden auch als Terrakottafigürchen hergestellt, die ebenfalls im Grab aufgestellt waren. Ihr Auftreten geht vielleicht auf die persische Vorliebe für Hahnenkämpfe zurück, während die Griechen den Hahn wegen seines Weckrufs schätzten.

Der Hahn auf dem Berliner Relief sollte sicherlich nicht als Speise des Grabherrn enden. Seine exponierte Stellung innerhalb der Musikantenszene spricht dafür, daß er ein liebgewordenes Haustier des Verstorbenen war, vergleichbar den im Neuen Reich häufig als Lieblingstiere dargestellten Affen, Meerkatzen und Hunden.

Fotos: Gitta Warnemünde (die Umzeichnungen wurden dem Begleittext entnommen)