Blick zurück - Schritt nach vorn
Zwei Statuetten aus dem Mittleren Reich

Vorgestellt und erläutert durch Professor Dietrich Wildung
Ägyptische Museen und Sammlungen Berlin
am 07. September 2003 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Veröffentlichung des nachfolgendes Textes mit freundlicher Genehmigung des Autors
 
Mentu-hotep



In-em-achet


Zwei Männerfiguren, die auf den ersten Blick wie ein Paar wirken. Sie sind aus dem gleichen Material, aus Holz, und sind mit 18 cm bzw. 19,4 cm nahezu gleich groß. Beide tragen einen langen Schurz. Beide sind zur gleichen Zeit entstanden, im Mittleren Reich, in der 12. Dynastie um 1900 v.Chr. Auch ihre Fundamentstände sind nahezu identisch. Beide Figuren waren als Grabbeigabe unter die linke Schulter der in einem kastenförmigen Holzsarg bestatteten Mumie gelegt worden (Foto: Beispiel eines derartigen Sarges aus der Museumsausstellung).

Gänulich verschieden aber sind ihre Fundorte. Die Figur des Kahlköpfigen, dessen Name In-em-achet in Hieroglyphen vor seinen Füßen auf der Basis steht, wurde zu Anfang des 20. Jahrhunderts von Ludwig Borchardt bei seinen Ausgrabungen an der Pyramide des Königs Ni-user-Re in Abusir südwestlich von Kairo in einem einfachen Grab gefunden und gelangte durch die Fundteilung nach Berlin. Die Figur mit langer Perücke und einem Wassergefäß in der rechten Hand wurde 1828 als Teil der Sammlung Passalacqua für Berlin erworben; Giuseppe Passalacaua hatte sie im Jahr 1824 im oberägyptischen Theben, in Deir el-Bahari, in dem völlig intakten Grab des Hausverwalters Mentu-hotep entdeckt.



Zwei verschiedene künstlerische Tendenzen werden in den beiden Figuren sichtbar. Die Figur des In-em-achet folgt in der Kurzhaar-Frisur und im Ehrfurchtsgestus der linken Hand den Vorbildern des Alten Reiches (2600 - 2200 v.Chr..), das in unmittelbarer Nachbarschaft seines Grabes in den Pyramiden und Mastaba-Gräbern omnipräsent ist. In-em-achets Gesicht ist konventionell und ausdruckslos. Das Gesicht seines Körpers ruht auf dem linken Bein, das mit dem Körper eine Senkrechte bildet; das rechte Bein ist nach hintern gestellt. Daraus resultiert eine labile, nach vorn gebeugte Haltung, verstärkt durch die Drehung der linken Schulter nach vorn.






Ganz anders Mentu-hotep. Seine Körperachse verläuft vom rechten Fuß senkrecht nach oben; das nur wenig vorgesetzte linke Bein bedingt in anatomisch korrekter Weise die leichte Drehung von Oberkörper und Kopf nach links. Dadurch entsteht eine virtuelle Bewegung der Figur, eine latente Spannung, die Thomas Mann meisterlich chrakterisiert als "gehend im Stehen und im Gehen stehend".  Der dynamische Stil dieser Figur, der auch das individuell gestaltete Gesicht prägt, ist typisch für die oberägyptische Kunst des Mittleren Reiches, die dem retrospektiven Traditionalismus des Nordens, der Region Memphis, einen aus dem Süden kommenden neuen Impuls entgegensetzt.



In beiden Figuren tritt dieser generelle stilistische Unterschied zhwischen thebanischer und memphitischer Kunst durch die Verschiebung der Achsen von Basis und Blickrichtung überzeugend in Erscheinung.

Skizzen der Achsenverschiebungen beider Figuren




Fotos: Gitta Warnemünde