Hase und Igel - Tierfiguren aus dem Mittleren Reich
Vorgestellt und erläutert durch Dr. Hannelore Kischkewitz
Ägyptische Museen und Sammlungen Berlin
am 03. Agusut 2003 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Veröffentlichung des nachfolgendes Textes mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Um 1800 v.Chr.
Inv.-Nrn. u.a. 10250, 20568
Fayence
in Ägypten erworben

Tierdarstellungen in Relief und Plastik sind von eindrucksvollem Realismus,  zeigen meist nur die charakteristischen Formen einer Art  und haben einen großen Anteil an der altägyptischen künstlerischen Überlieferung. Die gesamte Fauna des Landes, Stall- und Weidevieh, Haustiere, Lieblingstiere, auch importierte exotische Tiere werden auf Tempel- und Grabwänden, auf Papyri zu Studienzwecken, aber auch plastisch als Kultstatue und als Votivgabe, auch als Spielzeug und Amulett wiedergegeben. Hieroglyphen und Sternzeichen tragen ihre Form.

Neben großformatigen Meisterwerken gelingen bezaubernde Kleinplastiken, wie sie in Gräbern des Mittleren Reiches (um 1800 v. Chr. ) gefunden wurden: Hase, Igel, Nilpferd, Frosch, Vogelarten u.a.m. Der Zweck dieser Beigaben ist in der Forschung umstritten. Wahrscheinlich sollten diese Figürchen, wie die puppenstubenartigen Modelle vom Leben des Alltags die Umwelt des Verstorbenen über das Grab hinaus bewahren. Kleinformatige Exemplare, sog. Skaraboide, sind Amulette und tragen auf der Basisplatte Götterdarstellungen und Beschwörungsformeln, wie "Leben, Dauer, Glück, Gesundheit, Schutz". Nach keilschriftlicher Überlieferung wurden die Mini- Tiere sogar vom babylonischen König Burnaburiasch ( um 1350 v. Chr.) wie Nippes gesammelt.

Das Territorium des Hasen (Wüstenhase) ist die Wüste. Er gehört zum häufigsten Wild in Ägypten und Vorderasien. Pharao Amenophis II (um 1425 v. Chr.) zählte zu seiner Jagdbeute bei einer Jagd nahe dem palästinensischen Kadesch neben Gazellen, Wildeseln und Steinböcken, auch Hasen. Kultische Bedeutung genoß der Hase zunächst im 15. oberägyptischen Gau als heiliges Tier der Göttin Unut und war somit im Gauzeichen sichtbar. Doch die Rolle der Göttin verblaßte im Laufe der Geschichte. Sie blieb lediglich als Unterweltsdämon erhalten. Hasenmumien wurden nicht gefunden. Nach einer Beobachtung des antiken Historikers Plutarch soll die Schnellfüßigkeit und Wachheit
(offene Augen beim Schlaf), zusammen mit der Fruchtbarkeit der Häsin dem Tier den ursprünglichen Aspekt des Göttlichen verliehen haben. Sein Name lautet ägyptisch „ sechat".

Darstellungen des Igels sind von der Vorgeschichte bis in die Spätzeit, über einen großen Zeitraum von nahezu 3000 Jahren belegt. Jedoch ist eine Bezeichnung für diese Tierart aus dem schreibfreudigen Ägypten nicht bekannt. Nur in medizinischem Zusammenhang (Rezept gegen kreisrunden Haarausfall) ist "chenta" als Name eines stacheligen Tieres (Igel oder Stachelschwein) erwähnt. In Ägypten heimisch waren Ohrenigel und Wüstenigel. Jede dieser Arten wurde in den Darstellungen mit ihren typischen Kennzeichen "porträtiert". Danach ist der hier als "Kunstwerk des Monats " vorgestellte Igel ein Ohrenigel, denn er besitzt ein leicht konkaves oberes Profil (spitze Schnauzenpartie), wobei Stirn und Schnauzenpartie voneinander durch einen leichten Knick abgesetzt sind. Der Igel ist ein Nachttier, das stark von Geruchssinn und Gehör geleitet wird. Sein Fauchen und Keckern hat starke Ultraschallanteile. Letzteres wurde wohl auch von den Ägyptern registriert. Er galt auch nahezu bis in die Gegenwart als giftresistent und wurde wohl gern zum Bekämpfen von Schlangen gehalten. Darstellungen von Igeln im Flachbild finden sich in Naturbildern und Jagdszenen königlicher Tempel und privater Gräber seit dem Alten Reich (ab 2350 v. Chr.). Jagden fanden immer am Rande der Wüste in eingegatterten oder von Netzen umstellten Bezirken statt. Dort findet sich der Igel zusammen mit anderen Klein- und Jungtieren, wie Hase, Wüstenspringmaus, Gazelle. Der Igel wurde nicht gejagt. Seine Rolle in den Jagdbildern ist noch unerforscht. Doch diente die Vorführung erbeuteter Tiere der materiellen Versorgung des Toten. So wurden auch Igel von Jagdhelfern in Käfigen herbeigetragen, vielleicht wie auch andere wildlebende Jung- und Kleintiere zur Domestikation und nicht primär zur Nahrung eingefangen. Ebenso ungelöst ist die Rolle, die Igelköpfe als Gallionsfiguren am Vordersteven von Schiffen haben. Darstellungen dieser Art finden sich auf der Ostwand der Kultkammer von Privatgräbern der 5. Dynastie ( um 2300 v. Chr.), mit denen der Grabherr nach Süden segeln oder nach Norden rudern sollte. Am Vordersteven befanden sich auch die das Boot schützenden Fetische. So ist anzunehmen, daß dem Igel im alltäglichen Leben auch die Rolle des Schützers gegen Sandbänke, Krokodile und sonstige Gefahren zukam.


Fotos: Gitta Warnemünde