Erbstreit vor vier Jahrtausenden
Ein Papyrus aus Elephantine

Vorgestellt und erläutert durch Dr. Ingeborg Müller
Ägyptische Museen und Sammlungen Berlin
am 06.07. 2003 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Veröffentlichung des nachfolgendes Textes mit freundlicher Genehmigung der Autorin



6. Dynastie, um 2.300 v.Chr. - Inv.-Nr. P9010








„Handle gemäß der Maat, solange du auf Erden weilst.
Beruhige den Weinenden, bedränge nicht die Witwe,
verdränge keinen vom Eigentum seines Vaters,
schädige nicht die Beamten in ihrer Stellung.
Hüte dich vor ungerechter Bestrafung."

Aus der Weisheitslehre für König Merikare, um 2000 v. Chr.

Die Maat („Wahrheit") regelte das Leben in Natur und Gesellschaft. Aus den Weisheitslehren erfahren wir vom maatgerechten Verhalten, das für jeden Ägypter bindend war und ihm in der Schule durch wiederholtes Abschreiben dieser Lehren eingeprägt wurde. Garant dieser göttlichen Verfassung war allein der König. Wie aber die Maat durchgesetzt, welche Gesetze angewandt wurden, erfahren wir vornehmlich aus Gerichtsakten.

Ein kodifiziertes Recht in einer derart präzisierten Form wie der Codex Hammurapi aus dem 18. Jh. v. Chr. ist aus Ägypten nicht überliefert. Die alleinige legislative Macht lag im ägyptischen Staat beim Herrscher. Sein Stellvertreter und höchster Richter im Lande war der Wesir als Vorsitzender der Großen Kenbet, wie der Gerichtshof hieß. In den Städten und Dörfern traten die Bürgermeister, Priester und Beamten, d.h. die Honoratioren des Ortes, zum „Gerichtshof der Verhörenden" oder zum „Gerichtshof dieses Tages" zusammen, sobald ein Fall zur Entscheidung anstand. Die Zahl der Richter schwankt von vier bis vierzehn je nach Schwere des Falles. Eines speziellen Studiums für die Ausübung richterlicher Funktionen bedurfte es nicht, denn jeder - vor allem der im Lesen und Schreiben ausgebildete - Ägypter sollte schließlich wissen, was Maat bedeutet.

Vor dem Gerichtshof von Elephantine an der Südgrenze Ägyptens wurde um 2300 v. Chr. ein Erbstreit verhandelt. Nach ägyptischem Recht erbte im Allgemeinen der älteste Sohn. Der Erblasser Woser hatte indes schriftlich einen Mann namens Sebekhotep zum Nachlaßverwalter bestimmt. Vermutlich war der Sohn Tjau zurzeit dieser Verfügung und dann beim Ableben seines Vaters noch nicht volljährig. Beim Gerichtstermin ist er es und hat auch bereits die Ämter seines Vaters übernommen. Er bestreitet die Echtheit dieser Verfügung. Sebekhotep geht vor Gericht. Leider blieb das Protokoll dieses Rechtsstreites nur unvollständig erhalten,
der Anfang des Textes, wo der Ort der Verhandlung sowie die Titel und Namen der Richter standen, fehlt.

Diese Protokolle wurden kopiert und im Archiv hinterlegt, wo eine Sammlung der Prozessakten existierte, die dann in anderen ähnlichen Verfahren als Präzedenzfall in Klageschriften oder bei der Urteilsfindung herangezogen wurden. Diese älteste juristische Urkunde Ägyptens beginnt mit der Klage des Sebekhotep.

„ Sebekhotep brachte ein Schriftstück bei mit der Aussage des Vertrauten des Königs, des Vorstehers der Dolmetscher Woser, daß er die Teilung des Erbes für Wosers Frau und Kinder durchführen soll. Er besitze die Verfügungsgewalt über alle seine (Wosers) Habe, bis alle Kinder des Woser daraus zufriedengestellt sind: Es solle der Älteste als Ältester, der Jüngste als Jüngster behandelt werden."

In der Klageerwiderung bestreitet Tjau die Echtheit des vorgelegten Schriftstückes und fordert, Kläger und Beklagter mögen Zeugen für ihre Behauptungen benennen.

„Nun behauptete Tjau, daß sein Vater niemals dieses Schriftstück aufgesetzt habe. Nur wenn Sebekhotep drei zuverlässige Zeugen beibringt, die unter dem Eid aussagen: Deine Macht sei gegen ihn, o Gott, denn dieses Schriftstück ist nach der Angabe des Woser aufgesetzt worden, so sollen die Sachen im Hause des Sebekhotep bleiben. Wenn er diese Zeugen vorgeführt hat, in deren Gegenwart diese Aussage zu machen ist, so soll dem Sebekhotep der Nießbrauch bleiben. Bringt er die Zeugen jedoch nicht bei, in deren Gegenwart diese Aussage zu machen ist, so sollen die Sachen des Woser nicht bei ihm bleiben, sondern sie sollen dann bei dem Sohn des Woser, dem Vertrauten des Königs und Vorsteher der Dolmetscher Tjau verbleiben."

Am Ende des Textes steht, von anderer Hand geschrieben, der Urteilsspruch zugunsten des Sohnes:

„Der Bleibende ist Tjau."



Foto: Gitta Warnemünde (die Umzeichnung wurde dem Begleittext entnommen)