Andachtsvoll - Statuette einer Betenden
Vorgestellt und erläutert durch Dr. Olivia Zorn
Ägyptische Museen und Sammlungen Berlin
am 1. Juni 2003 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Veröffentlichung des nachfolgendes Textes mit freundlicher Genehmigung der Autorin




Material: brauner Stein
Datierung: Mittleres Reich, 12. Dynastie, um 1850 v.Chr.
Herkunft: unbekannt;
erworben 1899
Inv.-Nr. 14409



Auf einer hohen Basisplatte sitzt, die Beine nach rechts angewinkelt, eine junge Frau. Die großen mandelfötmigen Augen und der leicht lächelnde Mund blicken dem Betrachter freundlich entgegen. Die rechte Hand ruht flach auf dem Oberschenkel. Mit der Linken hält sie vor der Brust ein als Gewand kunstvoll um ihren Körper geschlungenes langes breites Stoffstück, das die linke Schulter bedeckt.

Die kniende Haltung und der Gestus ihrer linken Hand zeigen die junge Frau als andachtsvoll Betende. Ungewöhnlich ist dabei ihre Fußhaltung: bei männlichen ägyptischen Kniefiguren hocken die Dargestellten in der Regel auf ihren aufgestellten Fersen. Hier sind beide Füße zu einer Seite gelegt, wobei der rechte Fuß verdreht dargestellt ist. Am Knöchel ist dieser im Profil, die einzelnen Zehen dagegen sind in Aufsicht wiedergegeben. Vom linken Fuß ist die nach oben gerichtete Sohle sichtbar.

Normalerweise erscheinen in der rundplastischen Darstellung die einzelnen Körperteile im anatomisch korrekten Verhältnis zueinander (siehe Abb. links). In der Flachbildkunst sind solche verdrehten Wiedergaben üblich, hier werden verschiedene Ansichten der Gliedmaßen zusammengefügt - ohne Riicksicht auf Perspektive.

Darstellungen von knienden betenden Frauen sind in der ägyptischen Kunst sehr selten, da solche Beterstatuen zumeist in Tempeln aufgestellt waren, es aber nur ranghohen Privatpersonen gestattet war, sich dort zu verewigen. In der Regel bekleideten nur Männer solche Ämter. Wenn Frauen in ihrem Rang als Königin oder Priesterin im Tempel erscheinen, werden sie stehend mit einer herabhängenden und einer an die Brust gelegten Hand dargestellt. Sie treten der Gottheit andachtsvoll entgegen. Eine ähnliche Haltung nimmt die junge Beterin ein. Aber weder königliche Herrschaftszeichen noch eine besondere Tracht oder eine Inschrift lassen eine hohe gesellschaftliche Stellung vermuten.

Allein der Ausdruck des Gebetes, dessen Worte nur der jungen Frau selbst bekannt sind, steht bei dieser Statuette im Vordergrund. Sie war entweder von der Dargestellten als bescheidene Weihgabe in einen Tempel gestiftet worden oder in deren Familiengrab aufgestellt gewesen.

Die Haartracht verrät das jugendliche Alter der Dargestellten. An der rechten Seite der kurzen Löckchenperücke hängt ein langer geflochtener Zopf herab, die sogenannte Horuslocke. Diese kennzeichnet Kinder oder - in Verbindung mit der Perücke - auch junge Erwachsene. Ähnlich sind Prinzessinnen des Neuen Reiches (1540-1070 v. Chr.) dargestellt, wie Satamun, die Schwester Alnenophis' 111. oder Anchesenpaamun, die Gemahlin Tutanchamuns.

Die großen mandelförmigen Augen sind als stilistische Merkmale sowohl im Neuen Reich als auch schon zuvor im Mittleren Reich (2000-1300 v. Chr.) ausgeprägt. Das typische Kennzeichen der Statuen des Mittleren Reiches, die großen abstehenden Ohren, fehlt hier, allerdings spricht die Kleiduug eindeutig für eine Datierung in diese Zeit. Die Tracht besteht im Mittleren Reich häufig aus einfachen, nicht zugeschnittenen Tüchern, die bei Männer als Schurz oder den Körper verhüllender Mantel, bei Frauen als kunstvolle Draperie um den Körper gelegt sind. Ein Pendant zu der kleinen Beterin ist die fast viermal so große Statue der Ammne Satsnofru. Sie trägt die für die Zeit typische schwere Strähnenperücke, die die Ohren frei läßt. Größe und Inschrift dokumentieren ihren gesellschaftlichen Rang, den die junge Frau noch nicht oder vielleicht auch nie erreicht hat.

Die im Mittleren Reich auftretenden Beterstatuen von Privatpersonen drücken ein neues Religionsverständnis aus. Neben der offiziellen Staatsreligion, repräsentiert durch den König, der vor den Göttern opfert und damit als Mittler zwischen Gottheiten und Menschen fungiert, entwickelt sich eine persönliche Frömmigkeit, die das „private" Verhältnis des Einzelnen zu seinem Gott ausdrückt. Durch ihre Beterstatuen wenden sich die Dargestellten sowohl mit ihren Bitten aber auch ihrer Verehrung direkt an die Gottheit.
Vielleicht war ein spezielles persönliches Anliegen der Grund für die junge Frau, ihre Statue in den Tempel zu stiften. Vielleicht sollte aber auch - nach einem frühen Tod - ihre Nähe zu den Göttern für alle Ewigkeit im Jenseits bestehen bleiben.

Der freundliche Gott mit wirkungsvollen Plänen,
ihm gebührt es, sich ihm anzuvertrauen.
Der die Gebete dessen erhört, der zu ihm ruft,
der von ferne kommt zu dem, der ihn anruft, in einem Augenblick.
Er verlängert die Lebenszeit und zieht von ihr ab,
er gibt Aufschub zur Frist dem, den er liebt.


Fotos: Gitta Warnemünde