Ägyptenmode antik
Eine phönizische Silberschale
Vorgestellt und erläutert durch Dr. Angelika Lohwasser
Ägyptische Museen und Sammlungen Berlin
am 02. Mai 2004 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Der untenstehende Text entstammt der Ausstellung

Silber, getrieben und graviert

1876 aus der Sammlung Cesnola erworben, wohl aus Zypern

Inventar-Nummer 4117

Spätzeit, 7. Jahrhundert v.Chr.


„Zypern liegt im östlichen Mittelmeer, an dem Punkt, an dem die Sphären der Ägäis und Vorderasiens verschmelzen (Abb. 1).



In der ägyptischen 3. Zwischenzeit siedelten sich Phönizier in Zypern an bzw. bauten Städte als Handelsstützpunkte. Die Blüte erlebte die zypro-phönizische Kultur im 7. Jh. v. Chr. In den Palästen herrschte nicht nur Wohlstand, sondern auch höchstes intellektuelles Leben. Dichtkunst, Musik und nicht zuletzt das Kunsthandwerk blühten.

Das Produktionszentrum der im ganzen Mittelmeerraum und auch im Vorderen Orient verbreiteten phönizischen Metallschalen wird in Zypern vermutet. Meist wird um eine runde Mittelgestaltung ein oder mehrere Bänder mit Bildfriesen angeordnet, die lebhafte Szenen mit Menschen und Tieren darstellen. Dabei ist die Zusammenstellung von verschiedenen fremden Motiven ganz typisch für die phönizische Kunst. Besonders ägyptische Elemente wurden gern verwendet, gab es doch nach Ägypten die längsten und intensivsten Handelskontakte. Und auch auf der hier gezeigten Silberschale sind ursprünglich ägyptische, assyrische und ägäische Motive zu einer phönizischen Komposition verschmolzen (Abb. 2).



Das Zentrum der Schale bildet eine zwanzigblättrige Rosette. Sie ist mit Papyrusblüten alternierend mit Papyrusdolden so umgeben, daß sich ein weiteres rosettenartiges Gebilde als Hintergrund für den inneren Bildfries ergibt. Zwei schwimmende Menschen, eine nackte Frau und ein mit einem Schurz bekleideter Mann, sind zwischen zwei schreitenden Tieren, einem Pferd und einem Rind, dargestellt. Zwischen den Figuren schwimmen neun Fische, so daß anzunehmen ist, daß sich die ganze Szene im Wasser abspielt.

Der äußere Fries ist in vier Abschnitte geteilt. Jeder Abschnitt wird von der Darstellung eines Bootes beherrscht. Zwischen den Booten werden vier unterschiedliche Nebenszenen gezeigt. Im Fokus ist ein Boot in Entenform zu sehen. Es ist so aus Ägypten nicht bekannt. Die Sitte, Bug und Heck mit Tierprotomen, besonders mit Vögeln, zu schmücken, beruht auf einer ägäischen Tradition der Spätbronzezeit, in der auch die Seevölker stehen. Unter den Darstellungen der „Seevölkerschlacht" unter Ramses III. in Medinet Habu sind Boote mit Entenköpfen gezeigt (Abb. 3).



Ein vollständig ornitomorph gestaltetes Boot ist jedoch auch bei den Seevölkern (noch) nicht belegt.

Im Boot sitzt unter einem Baldachin der Auftraggeber, der soeben von einer Frau eine Trinkschale gereicht bekommt.

Das davor fahrende Boot, das mit drei Ruderern bestückt ist und vielleicht das Entenboot zieht, ist ebenfalls nicht ägyptisch. Der Bug ist steil hochgezogen und wie ein Podest gestaltet, auf dem die Statue einer Katze sitzt. Schiffe mit dem steilen Bug sind von Schiffsmodellen aus Zypern und von der Vasenmalerei des östlichen Mittelmeerraumes bekannt.

Die beiden anderen Boote sind als einfache Papyrusnachen wiedergegeben, deren vorderer und hinterer Teil jeweils buschartig hochgebunden ist. Dieser Bootstyp, der auch auf anderen phönizischen Metallschalen als Motiv vorkommt, ist sicher aus Ägypten übernommen. Im
vorderen Boot stakt ein mit einem Schurz bekleideter Mann drei Musikantinnen durch das Wasser. Die erste Frau spielt eine aus der assyrischen Kunst übernommene Kastenleier mit geraden Jocharmen, die zweite hält eine Rahmentrommel und die dritte singt oder klatscht in die Hände. Im zweiten Boot sind drei mit Blumen geschmückte Gefäße in einem Gestell aufgestellt. Davor rupft ein Mann eine Gans oder teilt sie mit einem Messer. Hinter den Gefäßen steht ein Mensch mit einem erhobenen Gefäß.

Die Nebenszenen zeigen drei Mal Tiergruppen (zwei Pferde, zwei Rinder und drei schwimmende Enten) und ein Gespann. Der Wagen mit acht Speichen - so erst ab der ägyptischen Spätzeit üblich - wird von zwei Pferden gezogen. Im Wagen steht ein Mann (wieder der Auftraggeber?) und der Wagenlenker. Während sich alle Einzelszenen, die des Medaillon und die Boote, im Wasser abspielen, sind nur der Wagen sowie die Rinder und Pferde am Ufer zu denken. Der Hintergrund dieser Komposition wird nicht zu deuten sein. Ob es sich dabei um eine Kombination von symbolträchtigen Motiven handelt, die religiösen Zwecken dienen sollten, oder ob es die Wiedergabe einer festlichen Ausfahrt des Auftraggebers ist, werden wir letztendlich kaum erklären können. Interessant bleibt aber die Kombination von Motiven unterschiedlicher Kulturen, wie sie nur die Phönizier hervorbringen konnten. Und für den an Ägypten interessierten Betrachter ist die Vorliebe der Auftraggeber für altägyptische Details die Herausforderung, diese und deren mögliche Vorlagen aufzuspüren.

Foto: Gitta Warnemünde (die Umzeichnungen wurden dem Begleittext entnommen)