Mutterschutz
Die Zauberstäbe des Mittleren Reiches

Vorgestellt und erläutert durch Dr. Hannelore Kischkewitz
Ägyptische Museen und Sammlungen Berlin
am 6. April 2003 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Veröffentlichung des nachfolgendes Textes mit freundlicher Genehmigung der Autorin
 
1. Fragment vom Endstück eines Zauberstabes
(Inv.Nr. 9611) Herkunft: Theben- Asasif, gefunden im Sand
Material: Elfenbein aus einem unteren Eckzahn eines Nilpferdes
mit Spuren grüner und roter Bemalung
Maße: L = 9,5 cm
Datierung: um 1875 v. Chr.

2. Zauberstab der Senaaib
(Inv. Nr. 14207) Herkunft: unbekannt, erworben durch Kauf
Material: Elfenbein aus einem unteren Eckzahn eines Nilpferds
Maße: L= 41 cm
Datierung: um 1750 v. Chr.


Die Bedeutung der Zauberstäbe (Zaubermesser, Apotropaia)

Die entsprechend der Form eines Nilpferdzahnes sichelförmig gebogenen und mit runder und spitzer Ecke asymetrischen, meist ca. 50 cm langen Stäbe wurden mit Göttern, Dämonen, mit Messern bewehrten Fabeltieren oder mit Heilszeichen meist in Ritzzeichnung, seltener im Relief, verziert. Die guten Götter und Dämonen schützen im Mythos den täglich neugeborenen Sonnengott. Übertragen wurde diese Vorstellung auf die Menschenwelt. Daher wurden die ungeborenen und die kleinen Kinder dem Sonnengott gleichgesetzt und wie der Sonnengott dem Schutz der numinosen Mächte empfohlen. Zur besseren Wirksamkeit der Stäbe wurden sie in die Nähe der Kinder gelegt, über sie gehalten, auch von den Schwangeren auf dem Leib getragen oder von den Geburtshelfern während der Entbindung zu beruhigendem Zauber benutzt. Gelegentlich spielen diese Zaubermittel bei besonderen kultischen Tänzen eine Rolle. Sie werden auch - eine noch wenig gedeutete Ausnahme der Anwendung des Brauches - als Neujahrsgeschenk überreicht (Grab des Rechmire, um 1350 v. Chr.). Gefunden wurden Zauberstäbe auschließlich in Frauen- oder Kindergräbern. Auffällig ist, daß auf den Stäben neben dem Namen der Mutter nur der des männlichen Kindes genannt wird. Bekannt sind bis jetzt 139 Zauberstäbe. Das Verbreitungsgebiet liegt zwischen dem nubischen Kerma und dem palästinensischen Megiddo. In letzterem Falle hat eine Frau mit einem akkadischen Eigennamen (Wemu-Baalat) durch diesen Gegenstand einer fremden Religion sich Hilfe erhofft. Die Nutzung dieser Stäbe blieb auf die Zeit zwischen 2000 v. Chr. und 1600 v. Chr. beschränkt. Zauberstäbe waren Gegenstände des Alltags. Abnützungsspuren und Reparaturen beweisen die wichtige und helfende Rolle von Zauber und Magie. Zum Schutz von Mutter und Kind wurden im Mittleren Reich, nahezu gleichzeitig zu den bildhaften Zauberstäben, Zaubersprüche formuliert und aufgeschrieben
.

Die Darstellung

 


Zu 1. Fragment eines Endstücks (Inv.Nr. 9611)

Innerhalb eines sorgfältig geschnitzten Bildrahmens befinden sich von links nach rechts 3 Gottheiten : der Kopf (Fragment) der Nilpferdgöttin Toeris, der Geburtshelferin, ein Schakalskopf auf einem Stab, wohl der Gott Upuaut und eine Kröte (Frosch) auf einem Korb, die zauberkundige Geburtshelferin Hekat. Die Götterbilder sind in Relieftechnik gearbeitet. Ebenfalls in Relief ist auf der Rückseite ein Krokodil dargestellt. Die Tierbilder von faszinierendem Realismus zeigen die Hand eines meisterhaften Elfen­beinschnitzers und rechtfertigen eine ausführliche Betrachtung. Der Kopf des Schakals mit den aufmerksam gespitzten Ohren, dem langgezogenen schmalen Kopf gibt arttypische, gut beobachtete Charakteristika wieder. Den gleichen Eindruck vermittelt das Bild des Frosches (Kröte) mit glattem Kopf und schuppiger Außenhaut. Das Tier ist gleichsam in der Bewegung festgehalten. Die angewinkelten Hinterbeine scheinen zum Sprung anzusetzen, der sich in der Drehung des Körpers nach vorn und in den gestreckten Vorderbeinen fortsetzt. Der Frosch hockt auf einem Korb, dessen Flechtwerk sorgfältig in Elfenbein modelliert wurde.

 
Zu 2. Zauberstab der Senaaib (Inv. Nr. 14207)

Ritzzeichnung auf Vorder- und Rückseite, sowie mit Inschriften. Gezeigt wird die Rückseite mit der Darstellung guter und böser Wesen. Von links Schlange, Flammenzeichen Schakalkopfzeichen, Frosch mit Messer auf einem Korb, aufgerichteter Kater (der Gott Re), wie er einen Feind und eine Schlange tötet. Drei Zeilen Inschrift betonen, daß viele Götter gekommen sind zum Schutz der Senaaib, die von der Herrin des Hauses Senebsemaj geboren wurde. Diesem Text folgt ein Schakalkopfzeichen mit Messer, ein Greif, eine Inschrift: "Es soll zitiert werden von diesen Schutzzeichen die sprechen: Wir sind gekommen, damit wir den Schutz über Senaaib ausbreiten". Es folgt ein männlicher Dämon in Besgestalt, der (böse) Schlangen packt und ein weiblicher Bes, der (böse) Hasen packt. Die folgende Inschrift betont wiederum die Ankunft der Götter zum Schutz. Diesem folgt eine Löwengottheit, ein falkenköpfiger Löwe und ein Krokodil, darüber Menschenköpfe als Feinde.


Der religionsgeschichtliche Befund

Die Abfolge der dargestellten Dämonen in dem Zauberstab Inv.Nr. 14207, wie auch in allen Zauberstäben, ist nicht kanonisch festgelegt. Die Figurenfolge wird kaum wiederholt. Auch findet sich keine Figur auf einer Seite ein zweites Mal. Dadurch wird wohl eine magische Wirksamkeit vertieft. Die Fülle der dargestellten Dämonen, der Urgötter, Schöpfungsgötter, Lokalgötter, messerbewehrten Fabeltiere und Schutzsymbole läßt sich einteilen in drei Kategorien :

Erscheinungsformen des Sonnengottes:
der Kater, das Ichneumon, die Sonnenscheibe auf Beinen, der liegende Doppellöwe.


Helfer des Sonnengottes bei seiner Geburt tagtäglich:
die liegende, in Binden gewickelte Kuh (Himmelgöttin Nut), die Löwengottheit, die besgestaltigen Dämonen (weiblich und männlich), die Nilpferdgöttin Toeris, die Froschgöttin Heket, der schakalköpfige Upuat, der Pavian, der Greif und der Schlangenhalspanther.


Feinde des Sonnengottes:
Schlange (Apophis, Rerek), die Schildkröte und der Asiat.


Die dargestellten (guten) dämonenhaften Wesen werden in den Inschriften, z.B. Inv.Nr. 14207, als " Götter" oder "Schutz" oder "Amulett " bezeichnet. Es heißt: "Sie sind gekommen, um magischen Schutz für das Kind, das von NN geboren wurde, zu bringen." Ähnlich: " Wir sind gekommen, damit wir Schutz um Schutz des Lebens, Heils und der Gesundheit ausbreiten; den Schutz bei Tag, den Schutz bei Nacht" oder "Schneiden den Kopf des Feindes ab, der diese Kammer der Kinder, die Nehetsetj-Ra geboren hat, betreten will."

Die Götterwesen auf dem Fragment des Elfenbeistabes Inv.Nr. 9611 sind im Gegensatz zur Darstellung auf dem Stab mit der Inv.Nr. 14207, wo man böse und helfende Dämonen sieht, Helfende. Sie gehören in den Bereich der Schöpfung und der Erscheinungsformen des Sonnengottes. Die vermutlich am Anfang der Reihe stehende Nilpferdgottheit Toeris gehört nach dem Mythos zu den Gottheiten, die allmorgendlich die Geburt des Sonnengottes Re aus dem Leib der Himmelsgöttin Nut unterstützen. Sie wird in ihrer Ammenrolle auch "Mutter des Re" genannt. Sie war daher im menschlichen Alltag wichtig für eine glückliche Niederkunft. Der Schakalkopf (nächster Gott) repräsentiert wohl den Gott Upuaut, den "Wegeöffner", der im Kampf voranschreitet und dem Sonnengott die Feinde tötet. Im Mittleren Reich wird eine Verknüpfung zwischen Sonnengott Re und seinem Schützer Upuaut als Erscheinungsform des Sonnengottes erkannt. In dieser Rolle heißt er "Upuaut- Re". Der Frosch (Kröte) auf dem Korb verweist auf die hermopolitanischen Urgötter, die männlich sind. Als Nebenform wurde die weibliche Göttin des Zaubers "Heket" abgeleitet. Sie ist eine Schöpfergottheit, die bei der Geburt des Sonnengottes assistiert. Sie schafft täglich neu den Sonnengott im mütterlichen Leib der Himmelsgöttin Nut. So wird Heket zu einem Symbol der Wiedergeburt und wichtig für die werdende Mutter und den Geburtsvorgang. Auf der Rückseite ist ein Krokodil zu sehen. Es ist dies das heilige Tier des Gottes Sobek (Suchos). Auch Sobek wurde als Helfer des Sonnengottes definiert.



Zauberstab aus dem Museum Kairo
CG 9434 = JE 30032
Elfenbein, Holz
Länge 38 cm, Breite 16 cm
Herkunft unbekannt
Mittleres Reich, 13. Dyn., um 1750 v.Chr.

(aus dem Katalog "Nofret, die Schöne", v.Zabern)

Fotos: Gitta Warnemünde (Ausnahme siehe Text)