Weltliteratur
Das Gespräch des Lebensmüden mit seiner Seele
Vorgestellt und erläutert durch Dr. Ingeborg Müller
Ägyptische Museen und Sammlungen Berlin
am 07. März 2004 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Der untenstehende Text entstammt der Ausstellung



Inventar-Nummer P 3024

12. Dynastie

um 1850 v.Chr.


„Der Tod steht heute vor mir
als wenn ein Kranker gesund wird,
als wenn man ins Freie tritt nach einem Leiden"

beschreibt der Lebensmüde seine Todessehnsucht.

Gesprächspartner ist die Seele, ägyptisch Ba. Der Ba wird erst im Tode aktiv, er nimmt die Gestalt eines Vogels mit menschlichem Antlitz an und kann ägyptischen Jenseitshoffnungen entsprechend sich frei bewegen. Am Tage verlässt er die Unterwelt und kehrt allabendlich im Gefolge der Sonne zurück. Denn Voraussetzung für ein jenseitiges Weiterleben war die allnächtliche Wiedervereinigung von Seele und Körper. Der Verlust der Seele bedeutete die endgültige Vernichtung. Hier spielt die Seele einmalig schon im Diesseits ihre Rolle, sie wird zum Widerspruch, zur inneren Stimme des Menschen.

Der historische Hintergrund dieses frühen Werkes der Weltliteratur ist die 1. Zwischenzeit (um 2135 - 2030 v. Ch.), die Zeit zwischen zwei großen historischen Abschnitten, dem Alten und dem Mittleren Reich. Historiker nennen sie auch treffender „Zeit der Wirre". Der Zusammenbruch des Alten Reiches, einer vom göttlichen Willen geprägten und gefestigten Welt, hatte zu politischen und sozialen Erschütterungen geführt, die Kunst und Literatur nachhaltig prägten. Kritik an dem Gottkönigtum und der Schöpfung Gottes, aber auch das Einzelschicksal in diesen Wirren sind literarische Themen der Zeit. Der namentlich unbekannte Autor war, so lässt es der Text vermuten, Priester gewesen und hatte gleich anderen Zeitgenossen Stellung und Ansehen verloren. Seine Hoffnungen richten sich nun auf einen glücklichen Aufenthalt im Jenseits, die Seele aber bezweifelt dies. Im Streitgespräch werden die sich widersprechenden zeitgenössischen Anschauungen über Tod und Jenseits gegeneinander abgewogen.

Der Mensch vertritt die alten Traditionen, die durch rituelle Bestattung und Totenkult ein ewiges Weiterleben verheißen. Die Seele indes ist skeptisch, angesichts der Plünderung von Gräbern und der Auflösung aller bisherigen Wertvorstellungen rät sie zum unbeschwerten Lebensgenuß:

„Wenn du an das Begräbnis erinnerst, so ist das nur Herzeleid. Das heißt nur Tränen hervorbringen und den Menschen beweinen. Das heißt, den Menschen aus seinem Hause holen und ihn auf den Wüstenhügel werfen. Niemals wirst du nach oben kommen, um das Sonnenlicht wieder zu sehen! Die da in Granit bauten und schöne Pyramiden in prächtiger Arbeit errichteten - sobald ihre Erbauer Götter wurden (d.h. gestorben waren), wurden ihre Opfersteine zerstört... Höre also auf mich! Siehe, es ist gut, wenn die Menschen hören: Folge dem frohen Tag! Vergiß die Sorge!"

Das Streitgespräch endet in vier Liedern, die einzelnen Verse haben jeweils den gleichen Anfang.
Im ersten beschuldigt der Mensch die Seele in acht Strophen, mit ihren Reden seinem guten Ruf (Namen) zu schaden:

„Siehe, mein Name wird anrüchig durch dich,
mehr als der Gestank von Aasgeiern an Sommertagen, wenn der Himmel glüht."

Das zweite Gedicht mit 16 Versen beklagt die Vereinsamung des Menschen in dieser irdischen Trostlosigkeit:

„Zu wem kann ich heute noch sprechen? Die Angehörigen sind schlecht,
die Freunde von heute kann man nicht lieben."

Der Tod, den er nun in sechs Bildern höchsten Glückes besingt, erscheint als der einzige Ausweg:

„Der Tod steht heute vor mir,
wie der Wunsch eines Menschen, sein Heim wieder zu sehen,
nachdem er viele Jahre in Gefangenschaft verbrachte."

Im Schlußgedicht überzeugt er seine Seele, zusammen mit ihm im Jenseits eine Heimstatt zu haben:

„Wahrlich, wer dort ist, ist ein lebendiger Gott, der die Sünde bestraft an dem, der sie tut."

Das letzte Wort hat die Seele:

„Wir wollen zusammen eine Heimstatt haben."

Das Streitgespräch findet so einen versöhnlichen Schluß. Die Seele wird durch die Argumente des Menschen überzeugt und verspricht, im Diesseits wie im Jenseits ihn nicht zu verlassen.
Doch die Zweifel blieben.

Nachhaltigsten Ausdruck hat diese Skepsis in dem „Harfnerlied" gefunden. Bei Gastmählern singt der blinde Harfner:

„Feiere einen schönen Tag!
Denke daran, niemand kommt wieder, der fortgegangen ist,
niemand kommt wieder von dort, daß er von der Toten Zustand künde,
daß er sage, was sie brauchen, und unser Herz beruhige,
bis wir gelangen zu dem Ort, zu dem sie gegangen.
Beruhige dein Herz. Vergessen frommt dir."

Herodot (5. Jh. v. Chr.) berichtet im zweiten Band seiner Historien über ägyptische Tischsitten:

„Beim Gastmahl, wie es die Reichen halten, trägt nach der Tafel ein Mann das hölzerne Bild einer Leiche, in einem Sarge liegend, herum... Er hält es jedem Zechgenossen vor und sagt: „Den schau an und trink und sei fröhlich! Wenn du tot bist, wirst du, was er ist."

Im „Josephsroman" von Thomas Mann steht dieses frühe Loblied auf das horazische „carpe diem" als „Lied des Lebensmüden zum Lob des Todes" in der Bibliothek des Potiphar. Es zählte zu dessen Lieblingsbüchern, aus denen ihm Joseph vorlesen mußte.

Das Streitgespräch des Lebensmüden mit seiner Seele zeigt uns den Ursprung dieser stets präsenten Gegensätzlichkeit - Jenseitshoffnung und Lebensgenuß. Überliefert ist dieses bemerkenswerte Literaturwerk nur in einer einzigen Handschrift, dem Berliner Papyrus aus dem Mittleren Reich, der klassischen Epoche. Es ist eine Abschrift von einer älteren Vorlage, wie der Schreiber am Schluß mit roter Tinte vermerkt:

„ Es ist vollendet von seinem Anfang bis zu seinem Ende, so wie es vorgefunden wurde in der Schrift."




Umzeichnung aus dem Begleittext zur Ausstellung


Foto: Gitta Warnemünde