Haarkunst - Kunsthaar
Eine altägyptische Männer-Perücke

Vorgestellt und erläutert am 2. März 2003
in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin

durch Dr. Hannelore Kischkewitz

Material: menschl. Haar
Datierung: Neues Reich
18.-19. Dynastie
etwa 1400 - 1200 v.Chr.
Herkunft unbekannt
Inv.-Nr. 6911 
   


 


Wie die meisten Perücken und Haarteile ist auch diese Perücke ganz aus menschlichem Haar gefertigt. Die zweiteilige Struktur - oben Korkenzieherlocken, vom Hinterkopf herabfallend lange dünne Zöpfchen - war im Neuen Reich (18.-19. Dynastie, etwa 1400-1200 v. Chr.) bei Beamten und sozial hochstehenden Männern besonders beliebt. Die einzelnen Strähnen sind in ein feines Netz aus gewebten Bändern eingeknüpft, die ebenfalls aus Menschenhaar bestehen.






Um das Haar formbar und haftfähig zu machen, wurde jede einzelne Strähne vor dem Einknüpfen in eine Art Haarfestiger aus Bienenwachs und Harz getaucht. Da diese Wachsmischung erst bei über 60°C schmilzt, saß die Frisur auch an heißesten Tagen sicher.

Der früheste Beleg für eine Perücke, von der allerdings nur noch Haarbänder und einzelne geflochtene Strähnen erhalten geblieben sind, wurde im Grab des Königs Djer (1. Dynastie, um 3000 v. Chr.) in Abydos gefunden. Und auch in römischer Zeit waren Haarkunstgebilde noch gefragt: Die modebewußten Damen trugen Löckchenperücken oder diademförmige, auf Bronzenadeln aufmontierte Haarteile (orbis; spätes 1.- 2. Jh. n. Chr.).

Perücken und Haarteile wurden von hochspezialisierten Friseuren oder Perückenmachern hergestellt. Zu den Utensilien eines Perückenmachers, die 1974 in Deir el-Bahari gefunden wurden, gehörten neben einem Modellkopf mit aufgemalten Haarlinien mehrere Knüpfnetze, geflochtene Haarbänder, einzelne Zöpfe und Haarteile, Perücken in verschiedenen Fertigungsstadien, Perückennadeln und Haarpuder. Eine Frisierszene im Grab der Hauptfrau des Königs Mentuhotep II. (11. Dynastie, um 2040 v. Chr.) zeigt Nofret mit ihren beiden Friseusen, die falsche Zöpfe in ihrer Langhaarfrisur befestigen. Die Perückennadel, mit der eine hochgelegte Strähne fixiert wird, ist ebenso wie Kämme und die multifunktionalen Frisiergeräte (der lange dornartige Teil diente als Lockenstab, das Rasiermesser und die kleine Schere zur Entfernung unerwünschter Haare) als Grabbeigabe zahlreich belegt. Die langen Frauenperücken konnten noch mit Perlen, Perückenringen, Bändern, Haarreifen und Blüten geschmückt werden.



Teil eines Grabreliefs der Königin Nofret,
Gemahlin Mentuhotep II.
Herkunft Deir el-Bahri
Foto: Katalog "Ägyptische Kunst aus dem Brooklyn Museum"

Reliefausschnitt vom Sarkophag der Kawit
Prinzessin und Nebenfrau des Mentuhotep II.
Foto: Katalog Ägyptisches Museum Kairo, v.Zabern


Perücken und künstliche Haarteile wurden aus hygienischen, ästhetischen, sozialen und religiösen Gründen getragen:

Um dem Kopflausbefall vorzubeugen, der in dem warmen Klima ein großes hygienisches Problem darstellt, trugen Frauen und Männer ihre Haare meist sehr kurz. Perücken bieten keinen "Nährboden" für Läuse und schützen außerdem vor starker Sonneneinstrahlung.
Dünn gewordenes Haar oder kahle Stellen wurden durch Haarteile ergänzt bzw. verdeckt. So hatte man dem spärlichen Haar der alten Königin Tetischeri (17. Dynastie, um 1550 v. Chr.) für ihre Jenseitsreise durch Einflechten falscher Zöpfe Länge und Fülle verliehen.
Mit den Perücken signalisierten die Träger ihren sozialen Status und ihr Geschlecht, betonten aber auch ihre erotische Ausstrahlung. In der sog. "Hirtengeschichte" sagt ein Mann über eine attraktive Frau: "Mein Haar stand zu Berge, als ich ihre Perücke sah und den Schimmer ihrer Haut." 
Priester, die aus religiösen Reinheitsgründen ihre Köpfe kahlrasieren mußten, trugen im privaten Bereich Perücken. Für manche Priesterämter waren aber auch spezielle Haarteile oder Perücken vorgeschrieben, z.B. für die Priester des Gottes Horus die seitlich getragene "Horus-Locke" und für die ehrenamtlichen "Gottesdienerinnen" der Hathor die voluminöse "Hathor-Perücke".
Die Perücke wurde von Lena Bjerregaard (Ethnologisches Museum) restauriert.

Fotos: Gitta Warnemünde mit Ausnahme der beiden Grabreliefs
Text: Begleittext zum ausgestellten Kunstwerk des Monats, ebenso die grafischen Darstellungen