Amun der Vielgestaltige
Eine Stele aus Abydos
Vorgestellt und erläutert durch Dr. Hannelore Kischkewitz
Ägyptische Museen und Sammlungen Berlin
am 01. Februar 2004 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Der untenstehende Text entstammt der Ausstellung
Inventar-Nummer 7295

Material: Sandstein

Maße: Höhe 30 cm

Datierung: um 1100 v.Chr.

Herkunft:
aus Abydos, Sammlung Passalacqua (Catalogue raisonné des antiquités,
Nr. 1367)


Ein Mann in die Mode der 19./ 20. Dynastie gekleidet und in der Inschrift als "Amenemope, der königliche Schuster des Osiris" benannt, hat diese Stele dem "Gott Amun-Re vom Wüstentale" und vier seiner Erscheinungsformen geweiht. Amenemope kniet mit betend erhobenem linken Arm und bringt dem Hauptgott eine Lampe mit Untersatz dar. Der Gott sitzt menschengestaltig und in herrscherlicher Gebärde mit Szepter und Lebenszeichen ausgestattet auf einem Thron. Er trägt die für ihn typische hohe Federkrone. Vor ihm steht ein Altar, geschmückt mit der " Ewigkeit" symbolisierenden Lotosblüte. Der Darstellung des Gottes in Menschengestalt folgt eine Gans auf einem Tempeltor, ein sinnfälliger Ausdruck für die Anwesenheit des Gottes in einem seiner heiligen Tiere, der Gans, im Tempel. Die Tiergestalt und die Menschengestalt des Gottes befinden sich räumlich herausgehoben auf einer Standlinie, einer gelängten Form der Himmelshieroglyphe. Darauf scheint sich auch der qualifizierende Göttername "Herr des Himmels" zu beziehen, eine winzige Inschrift, geschmackvoll zwischen dem Gehörn zweier Widder in der Szene darunter eingepaßt. Auch die Widder sind Gott Amun. Sie repräsentieren zwei seiner Emanationen in Widdergestalt, versehen mit einer Krone aus Widdergehörn, Sonnenscheibe und hohen Federn. Außerdem machen sie das schöne Flies und die eleganten Körper zu ansehnlichen Vertretern ihrer Rasse. Der Künstler
hat sie als antithetische Gruppe um einen Opferaltar mit drei sich kreuzenden Lotosblüten gruppiert. Das rechte Tier trägt den schwer deutbaren Namen "Amun-Re des Suerii". Der zweite Widder heißt
"Amun-Re, (wie ein ) Löwe an kämpferischer Ausstrahlung, großer Gott." Die Inschrift am oberen Stelenrand benennt den in diesem Denkstein begünstigten Gott : "Amun-Re, der Oberste des Wüstentals, Herr des Himmels". Gestiftet (ist diese Stele) vom königlichen Schuster des Osiris, Amenemope, dem Gerechtfertigten. Letzteres bedeutet, daß die Stele dem Gedächtnis des Amenemope gestiftet wurde, der bereits verstorben war.

Abydos, der Herkunftsort der Stele, war der Hauptkultort des Totengottes Osiris. An einem der Tempel der weiten Anlage könnte Amenemope als Sandalenmacher gearbeitet haben. Wahrscheinlich ließ er hier diese Votivstele errichten, die zwar nicht (seines Arbeitgebers) Osiris, wohl aber Amon, des thebanischen Stadtgottes in dessen spezieller Funktion als Schirmherr der thebanischen Nekropole im westlich Thebens gelegenen Wüstental, gedenkt. Darauf spielt der Beiname des Gottes als "Oberster des Wüstentales" an. Dort fand auch alljährlich das wichtigste thebanische Fest , das "schöne Fest vom Wüstentale", statt. Es wurde an den Königsgräbern, den Privatgräbern und Tempeln begangen und vereinigte Verstorbene und Lebende bei Kulthandlungen und üppigen Opfern. Indem Amenemope dem hierfür verantwortlichen Gott diese Stele stiftet, drückt er auf fromme und zurückhaltende Art seinen Wunsch aus: Opfergaben vom Tisch des Gottes und von seiten der Angehörigen zu erhalten und mit ihnen als Verstorbener vereinigt zu sein, so wie es zum "schönen Fest" üblich war. Daher vermittelt die Stele auch ein interessantes Beispiel für persönliche Frömmigkeit, für die Hoffnung auf einen unmittelbaren Zugang zu Gott, wenn es auch - wie hier - in verschlüsselter Form über die Rolle des Gottes Amun-Re im Totenkult geschieht. Theologie und Glaube einte die Auffassung, dass Gott in verschiedenen Erscheinungsformen als vieldeutiges göttliches Wesen auftreten kann. Ein Gott erschien in einem Tier oder konnte sich mit einem anderen Gott anscheinend ohne Abwertung eines Partners verbinden - wie im Falle der Götterverbindung Amun-Re ( siehe auch andere Beispiele, wie Amun als Skarabäus mit Menschenkopf und die sogenannte Sonnenlitanei). Jede Erscheinungsform hatte ihren eigenen Namen und ihre eigene Identität. Die Kenntnis der Namen böser oder guter göttlicher Wesen verhalf in Zauber und Magie zu Macht.

Gans und Widder - Aspekte des Tierkultes

Amun als Gans ist eine theologische Erfindung des Neuen Reiches. Gern wird in den wenigen Beispielen, in denen die Gans mit Amun verbunden ist, von der "schönen Gans des Amun" im Sinne einer Auffassung als heiliges Tier, aber auch von "Amun-Re, die schöne Gans" im Sinne einer Identifikation gesprochen. Beide Vorstellungen gehen wohl auf einen alten, im Volke verwurzelten Gänsekult zurück, um der Verehrung des Amun eine volkstümliche Note zu geben.

Der Widder hatte zahlreiche Kultorte und war u.a. heiliges Tier des Schöpfergottes Chnum. Seit dem Mittleren Reich (ca. 1900 v. Chr). wurde er als heiliges Tier des Amun von Theben verehrt. Der Widder des Amun gehörte einer Schafsrasse an, die erst im Mittleren Reich eingeführt wurde. Man erkennt diese Tiere an den Hörnern, die spiralig nach unten abgehen, wie bei den beiden Exemplaren auf der Stele gut sichtbar. Das weit ausladende Gehörn der älteren Schafsrasse hatte Eingang in die Götterkrone gefunden und wirkt auch hier, in der Stelendarstellung, wie auf den Köpfen der Widder aufgesetzt.

Der unbekannte Künstler hat mit der Stele ein Meisterwerk geschaffen. Vollendet wird die Licht- und Schattenwirkung, die in der Reliefkunst der 19./ 20. Dynastie bei der Gestaltung der hohen Außenwände der Tempel üblich war, in der kleinen Stelenform angewendet. Ebenfalls ein Zeitzeugnis sind die zierlich gelängten Glieder, wie die Hände und Füße des Stifters oder sein linkes Bein, das sich in elegantem Schwung vom schurzbedeckten rechten abhebt. Selbst die Widder mit zierlichen Leibern und Hufen, entsprechen dieser künstlerischen Linie. 

Foto: Gitta Warnemünde