Göttliches Zwiegespräch
Ein Relief aus Amarna
Vorgestellt und erläutert durch Professor Dietrich Wildung
Ägyptische Museen und Sammlungen Berlin
am 04. Januar 2004 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Der untenstehende Text entstammt der Ausstellung
   

Neuerwerbungen sind für archäologische Museen zu seltenen Ausnahmefällen geworden. Die meisten Ursprungsländer haben ein striktes Ausfuhrverbot für Antikes erlassen; nur noch wenige Länder - unter ihnen der Sudan - gewähren Ausgräbern als Gegenleistung eine Teilung der Grabungsfunde. Für Museen interessante Objekte aus alten Privatsammlungen kommen kaum mehr auf den Markt.

Unter diesen Rahmenbedingungen gewinnt der langfristige Austausch von Kunstwerken zwischen Museen zunehmend an Bedeutung. Das Ägyptische Museum Berlin fördert seit Jahren den Aufbau eines Netzes, in dem deutsche und ausländische Museen sich gegenseitig unterstützen. Berliner Leihgaben sind Bestandteil der Dauerausstellungen in Hildesheim, München, Posen, New York und Boston, und im Gegenzug ergänzen langfristige Leihgaben aus München, Posen und New York die Ausstellung im Ägyptischen Museum in Charlottenburg.
Das Kalksteinrelief gehört zu den berühmtesten Werken des Egyptian Department des Metropolitan Museum of Art in New York. Es wurde 1981 aus der Sammlung von Norbert Schimmel erworben und  befindet sich seit 1996 als Leihgabe in Berlin. Als Berliner Gegengabe sind zwei Stuckköpfe aus der Werkstatt des Tuthmosis in Amarna im Metropolitan Museum ausgestellt.

In der rechten oberen Ecke des Stückes sind Reste von vier senkrechten Hieroglyphenzeilen erkennbar, die mit einem schmalen Meißel absichtlich getilgt worden sind. Der Text enthielt den Namen des Sonnengottes Aton und einen Tempelnamen.

In die linke Hälfte des Bildfeldes dringen von links oben fünf radial angeordnete Sonnenstrahlen, die in menschlichen Händen enden. Links unten ragt senkrecht eine Hand ins Bild. Sie hält einen Olivenzweig, der sich unter der Last der paarweise angeordneten Früchte weit nach rechts neigt; zwei weitere Zweige - wohl vom selben Ast - füllen den unteren Teil des Bildes.

In dem bruchstückhaft erhalten gebliebenen Bildausschnitt verdichtet sich das Wesen der monotheistischen Theologie des Königs Echnaton zu einer unmittelbaren Berührung und Überschneidung der menschlichen und göttlichen Sphäre. Von hoch oben am Himmel, der Erde entrückt, sendet die Sonnenscheibe Aton als einzige Erscheinungsform Gottes ihre Strahlen. Der König als alleiniger Vertreter der ganzen Menschheit reicht die Früchte der Erde nach oben, der Sonne entgegen. Die Hände Gottes gießen mit leichter Geste Wärme und Licht über die Welt. Die Hand des Königs steigert in überaus plastischer Modellierung die anatomische Form zur Chiffre für menschliche Aktivität.

Der dichte Dialog zwischen König und Gott charakterisiert die Theologie des Echnaton. Großformatige Wandreliefs zeigten in den Sonnentempeln der neu errichteten Hauptstadt Amarna den König in Begleitung seiner Gemahlin Nofretete und der Prinzessinnen beim Gebet und Opfer unter den Strahlen des Aton. Zu Worten werden diese Bilder in den Sonnenhymnen, die als literarische Schöpfungen des Königs in authentischen Inschriften erhalten geblieben sind.


restauriertes Wandrelief im Luxor-Museum

Die Sonnenhymne des Echnaton (Auszug)

Schön erscheinst du
im Horizonte des Himmels, du lebendige Sonne,
die das Leben bestimmt!
Du bist aufgegangen im Osthorizont
und hast jedes Land mit deiner Schönheit erfüllt. Schön bist du, groß und strahlend,
hoch über allem Land.

Deine Strahlen umfassen die Länder
bis ans Ende von allem, was du geschaffen hast.
Du bist Re, wenn du ihre Grenzen erreichst
und sie niederbeugst für deinen geliebten Sohn.
Fern bist du, doch deine Strahlen sind auf Erden;
du bist in ihrem Angesicht, doch unerforschlich ist dein Lauf.

Gehst du unter im Westhorizont,
so ist die Welt in Finsternis,
in der Verfassung des Todes.
Die Schläfer sind in der Kammer,
verhüllten Hauptes, kein Auge sieht das andere.
Raubt man alle ihre Habe, die unter ihren Köpfen ist -
sie merken es nicht.
Jedes Raubtier ist aus seiner Höhle gekommen,
und alle Schlangen beißen.
Die Finsternis ist ein Grab,
die Erde liegt erstarrt,
ist doch ihr Schöpfer untergegangen in seinem Horizont.

Am Morgen aber bist du aufgegangen im Horizont
und leuchtest als Sonne am Tage;
du vertreibst die Finsternis und schenkst deine Strahlen.
Die Beiden Länder sind täglich im Fest,
die Menschen sind erwacht
und stehen auf den Füßen, du hast sie aufgerichtet.
Rein ist ihr Leib, sie haben Kleider angelegt,
und ihre Arme sind in Anbetung bei deinem Erscheinen,
das ganze Land tut seine Arbeit.


(aus "Echnaton - Die Religion des Lichts" von Erich Hornung)

Fotos: Gitta Warnemünde