Hoch zu Ross
Die Göttin Astarte

Vorgestellt und erläutert durch Dr. Olivia Zorn
Ägyptische Museen und Sammlungen Berlin
am 5. Januar 2003 in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin
Veröffentlichung des nachfolgendes Textes mit freundlicher Genehmigung der Autorin



Material: Kalkstein bemalt
Datierung: Neues Reich, 19. Dynastie, um 1290 v.Chr.
Herkunft: unbekannt, vermutlich Deir el-Medina
Inv.-Nr. 21826



Die aus Syrien/Palästina stammende Göttin Astarte erscheint auf dem Ostrakon (Kalksteinscherbe) als reitende Kriegerin. Sie sitzt - nur mit einer Halskette und Ohrringen bekleidet - auf ihrem ungesattelten Pferd. Während ihre linke Hand das Zaumzeug des Pferdes faßt, hält sie in der erhobenen Rechten Pfeil und Bogen.




Astarte gehört zu einer Reihe syrisch-palästinensischer Gottheiten, die seit dem Neuen Reich (ab etwa 1420 v. Chr.) in Ägypten an eigenen Kultstätten verehrt wurden. Ihre Aufnahme unter die ägyptischen Götter ist auf einen engeren Kontakt Ägyptens zur vorderasiatischen Welt zurückzuführen.

Nach hundertjähriger Fremdherrschaft (2. Zwischenzeit, 1640-1540 v. Chr.), in der Ägypten zu einem Syrien und Palästina umfassenden Großreich gehörte, konnten wieder einheimische Pharaonen die Macht in ihrem Land ergreifen. Sie eroberten Teile Syriens und Palästinas und stellten sie unter ägyptische Herrschaft. Dazu mußten sich die Könige der Hilfe und Unterstützung der dort ansässigen Götter versichern, die sie ihnen auch - nach ägyptischer Ansicht - nicht verwehrten, denn sonst hätten die Pharaonen nicht die ausländischen Gebiete erobern können. Die Vorstellung, daß die fremden Gottheiten dem König feindlich gesinnt sein könnten, kannten die Ägypter nicht, da es in ihrem Weltbild den Begriff eines nationalen Gottes nicht gab, sondern der Pharao als irdischer Gott und leiblicher Sohn des Götterkönigs im Einvernehmen mit den Göttern lebte und herrschte.

Nicht nur Pharao sondern auch seine in Syrien und Palästina stationierten Beamten verehrten die dort beheimateten Gottheiten, um sich deren Schutz zu versichern. Bei ihrer Rückkehr nach Ägypten haben manche von ihnen offenbar den Kult der fremden Gottheiten weitergepflegt, ebenso wie syrische Einwanderer zur Verbreitung beitrugen.





Abb. 1

Die Göttin Anat, Schwester der Astarte

Abb. 2
Die Göttin Astarte im Kriegswagen mit Löwenkopf und Sonnenscheibe, ein Menit (Halskragengegengewicht) haltend

Abb. 3

Die Göttin Asiti mit Atefkrone, eine Erscheinungsform der Astarte

Abb. 4

Die Göttin Astarte als Qudschu


Die syrischen Götter waren zudem für Bereiche zuständig, für die es keine ägyptischen Gottheiten gab. Allen voran die Göttin Astarte, die den Ägyptern als Schutzpatronin des Streitwagens galt. Da dieser keine ägyptische Erfindung ist, sondern erst durch die Fremdherrscher nach Ägypten gelangte, gab es für ihn keine einheimische Schutzgottheit. Damit wurde Astarte zur Königsgottheit erhoben. Zusammen mit ihrer Schwester Anat (Abb. 1) ist die „Herrin der Pferde" Beschützerin des im Streitwagen kämpfenden Königs.

In der Darstellung erscheint Astarte im Streitwagen fahrend oder - wie hier - auf einem galoppierenden Pferd reitend. Gelegentlich wird sie wie die ägyptische Kriegsgöttin Sachmet mit Löwenkopf abgebildet (Abb. 2). Als Kriegsgerät trägt sie Pfeil und Bogen und als Zeichen ihrer Göttlichkeit die Sonnenscheibe oder die Atefkrone (Abb. 3). Auf dem ausgestelltem Ostrakon ist sie unbekrönt, dabei wird ihre syrische Haartracht sichtbar: glatt zurückgekämmtes Haar, das am Hinterkopf zu einem offenen Knoten
zusammengefaßt wird.

Bei dieser Zeichnung handelt es sich vermutlich um die Skizze eines Künstlers aus der Handwerkersiedlung Deir el-Medina in Theben-West. Die dort ansässigen Arbeiter waren für den Bau und die Ausgestaltung der Königs- und Privatgräber zuständig und verwendeten Kalksteinscherben häufig als Skizzenbücher. Einige Zeichnungen waren aber sicher für die Aufstellung im eigenen Haus gedacht. So könnte dieses Ostrakon als „Altarersatz" gedient haben, indem der Besitzer sich der Göttin Astarte besonders verbunden fühlte.

Der kriegerische Aspekt der Astarte wird vor allem in den königlichen Denkmälern betont. Im privaten Bereich wurden in der Regel die den Alltag betreffenden Seiten der syrischen Gottheiten verehrt. So genoß Astarte als Heilgöttin großes Ansehen. Anlaß zu dieser Verehrung war die Heilung des Königs Amenophis III. (1390-1353 v. Chr.), dem der König von Mitanni ein heilbringendes Kultbild der Ischtar von Ninive geschickt hatte. Ischtar von Ninive wurde in Ägypten „hurrische Astarte" genannt und in einem Heiligtum in Memphis verehrt.

Neben Krieg und Heilung wurden Astarte auch Liebe, Fruchtbarkeit und Erotik als Wirkungsbereich zugeschrieben. Zusammen mit ihrer Schwester Anat wurde sie als erotische Göttin in Ägytpen in einer besonderen Form verehrt. Unter der Bezeichnung Qudschu (= „Heilige") erscheint sie meist nackt und in Vorderansicht auf einem Löwen stehend (Abb. 4). Aus ihren Hüften wachsen Schlangen und in ihren Händen hält sie Lilien oder Schlangen als Symbole der Erotik und Fruchtbarkeit.

Fotos: Gitta Warnemünde
Die Zeichnungen wurden dem Vortragsmanuskript entnommen

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