„Ich gab dem Nackten
Kleidung….“
Ägyptische Kleidung: viel
mehr als nur nützlich
(erschienen
in Kemet
01/06
"Schönheit im Alten Ägypten")
Betrachtet man die
beeindruckenden Malereien in den Gräbern des Neuen Reiches, dann
taucht man in
eine Welt von schönen und edel in meist blütenweiße
Leinenroben gekleideten Menschen.
Man ist versucht, sich das Alltagsleben daraufhin genauso vorzustellen:
ein
sauberes und fein herausgeputztes Volk, das sehr auf seine
äußere Erscheinung
bedacht ist. Bekannt ist, dass die Ägypter großen Wert auf
Sauberkeit von
Körper und Kleidung legten. Das muss auch Herodot, den
griechischen Reisenden
in Sachen Geschichte, sehr beeindruckt haben. Er schreibt in seinen
„Historien“
aus dem 5. Jahrhundert v.Chr. „Sie (die Ägypter) tragen Kleider
aus Leinwand,
die stets frisch gewaschen sind; darauf achten sie genau“.
Das Grab des Sennedjem
in Deir el-Medina, der
Arbeitersiedlung in am thebanischen Westufer, ist mit
wunderschönen lebendigen
Szenen dekoriert. Man schaut dem Grabinhaber zu, wie er – bekleidet mit
einem
weißen, gefältelten Schärpenschurz - gemeinsam mit
seiner Gemahlin Jj-neferti die Felder bestellt, wie
beide säen und ernten. Jj-neferti
trägt ein knöchellanges eng anliegendes weißes Kleid
und darüber ein
durchscheinendes, negligé-artiges und ebenfalls
knöchellanges Gewand mit
sorgfältig gelegten Falten und Fransen. Spätestens
beim Betrachten dieser
Bilder wird klar, dass der Alltag so sicher nicht ausgesehen hat. Die
beiden
Dargestellten befinden sich in den Jenseitsgefilden und ließen
sich so
abbilden, wie es ihrer Idealvorstellung entsprach. Kleidung war – und
das unterscheidet
die Ägypter von heutigen Zeitgenossen in keinster Weise – auch
Statussymbol.
Die Materialien
Wie schon Herodot bemerkte,
waren die meisten Kleidungsstücke aus Leinen gefertigt. Der
Herstellungsprozess
von Leinenstoff ist außerordentlich kompliziert. Als Rohstoff
dient Flachs,
eine einjährige Pflanze, die in Ägypten ursprünglich
nicht heimisch ist,
sondern wahrscheinlich in prädynastischer Zeit aus der Levante
eingeführt
wurde. Drei Monate nach der Aussaat, die etwa im November erfolgte,
konnte man
mit der Ernte beginnen. Frühe, also noch grüne Pflanzen
eigneten sich besonders
für die Herstellung feinster Stoffe. Je später geerntet
wurde, desto fester
wurden die Pflanzenfasern. Dem entsprechend sind grobe Stoffe und Seile
Produkte
alter Pflanzen. Der Flachs wurde nicht geschnitten, sondern im Ganzen
aus dem
Boden gezogen. Anschließend wurde er getrocknet und von den Samen
befreit,
indem man ihn bündelweise über ein Brett mit gezackter Kante
zog. (Abb. rechts:
Flachsbearbeitung, Grab des Paheri, Elkab)
Die Samen wurden zum Teil zu
Öl verarbeitet; der größte Teil jedoch dürfte als
Saatgut in die Speicher
gegangen sein. Der nächste Bearbeitungsschritt war ein
mehrtägiges Wässern, um
die harte Schale von den Stängeln abzulösen. Ein weiterer
Trocknungsprozess folgte
und diesem wiederum mehrere Arbeitsgänge zum Entfernen auch der
letzten harten
Bestandteile. Danach war der Flachs für das Spinnen vorbereitet. (Abb. links: Männer beim Spinnen (Beni
Hasan) - nach Rosselini)
Die einzelnen Fasern konnten
nun – nachdem sie von Hand leicht vorgedrillt worden waren – mit Hilfe
von
Spindeln zu Fäden versponnen werden. Gesponnen wurde sowohl von
Männern als
auch von Frauen. All diese Arbeitsgänge sind durch Darstellungen
in Gräbern und
durch Funde recht sicher rekonstruierbar. Spinnende Männer sind
bereits in
Gräbern des Alten Reiches abgebildet, allerdings im Zusammenhang
mit der
Herstellung von Netzen. Ab dem Mittleren Reich werden die Darstellungen
dann
reichhaltiger und aussagekräftiger. Aber selbst aus
prähistorischer Zeit fanden
sich Teile von Spinnzubehör an verschiedenen Orten. Die Stoffe
wurden zunächst auf
Flachwebstühlen hergestellt. Davon
zeugen Abbildungen aus dem Mittleren Reich. Je zwei Pflöcke
hielten die so
genannten Webbäume, zwischen denen die Fäden gespannt waren. Anscheinend waren
Webarbeiten in dieser Zeit Frauensache. (Abb. unten: Flachwebstuhl in
aspektivischer Darstellung = Draufsicht (Beni Hasan) - nach
Rosselini)
Im
Neuen Reich veränderte
sich mit der Einführung des vertikalen Webstuhls die Technik. Von
dieser Zeit
an waren Frauen und Männer mit Webarbeiten beschäftigt, was
den wohl leicht
irritierten Herodot zu der Feststellung veranlasste „So gehen in
Ägypten die
Frauen auf den Markt und treiben Handel und die Männer sitzen zu
Hause und
weben“.
Ägyptische
Kleidung war nicht
ausschließlich aus Leinen hergestellt. Schon in Gräbern des
Alten Reiches fand
man Reste wollener Textilien; ebenso in Gräbern des Mittleren
Reiches und in
der Arbeitersiedlung von Amarna, Echnatons
Hauptstadt Achetaton. Ein generelles Verbot, Wolle
zu tragen, bestand nicht. Und wenn Herodot und ähnlich einige
Jahrhunderte
später auch Plutarch schrieb, Wolle sei aus religiösen
Gründen tabu, so galt
das wohl nur für die Priesterschaft. Entsprechende
zeitgenössische Aussagen
sind jedenfalls nicht überliefert. Bei einzelnen Funden von
Wollresten lässt
sich daran noch feststellen, dass sie einst eingefärbt waren in
gelb, blau, rot
und grün. W. M. Flinders Petrie spricht bei seinem Kahun-Fund
von „gesponnener Wolle“ („Kahun, Gurob, and Hawara“,
1890). Im Winter kann es in Ägypten empfindlich kalt werden –
besonders nach
Sonnenuntergang. Wollene Kleidung ist dann ohne weiteres angebracht. In
Amarna fand man außerdem
Ziegenhaargewebe, wenn auch nur in geringem Umfang. Auch Leder wurde
als
Material für die Herstellung von Kleidungsstücken verwendet. Die Ägypter
waren
schon sehr früh in der Lage, Leder zu bearbeiten. Das zeigen
diverse
prädynastische Funde. Die Verarbeitung von Leder ist in vielen
Grabdekorationen
seit der 5. Dynastie aufgezeichnet. Ein sehr schöner Fund von
Lederbekleidung
sind zwei Lendentücher aus dem Grab des Maherpra,
königlicher Fächerträge aus der 18. Dynastie. Ein
weiches Leder, wahrscheinlich
von einer Gazelle, wurde gegerbt und über und über mit
winzigen versetzten
Schlitzen versehen, um es noch griffiger zu machen. (Abb. links: Nilpferdjagd mit Lendenschurz,
Grab des Kagemni, Saqqara)
Landläufig hat sich die
Meinung etabliert, dass ägyptische Kleidung prinzipiell von
weißer Farbe und
kaum gemustert war. Einziger Farbtupfer konnte ein kunstvoll
gearbeiteter
Halskragen sein. Nachvollziehbar ist diese Annahme nur dann, wenn man
sich die
in den Grabdekorationen abgebildeten Grabinhaber zum Vorbild nimmt.
Dort
tauchen meist nur Vertreter fremder Länder mit bunten Kleidern
auf. Es gibt
jedoch eine ganze Reihe von Darstellungen weiblicher
Opferträgerinnen, die sehr
farbenfroh daherkommen. Auch Damen auf Privatstelen tragen häufig
einfarbig
bunte oder gemusterte Kleidung. Mutmaßungen gehen in die
Richtung, dass reinweißes
Leinen einen höheren Status symbolisierte als bunt
eingefärbtes, oder dass es
auf besondere Reinheit hinweist, was im Zusammenhang mit dem
Jenseitsgedanken
sicher nicht abwegig ist. Und es gibt in der Tat Belege dafür,
dass Leinen noch
zusätzlich gebleicht wurde. Zum Beispiel ist im
Grab des Rechmire, Wesir der 18. Dynastie, die Rede
von gebleichtem Leinen,
und die Qualitätsbezeichnung sSr, die Ludwig Borchardt als
„Gebleichtes“ interpretierte,
ist seit der 4. Dynastie belegt. Ein explizites Bleichmittel
(außer vielleicht
Natron – mit sehr zerstörerischer Wirkung) ist nicht bekannt; die
Stoffe werden
daher wohl ganz einfach der Sonne ausgesetzt worden sein. Um die
dreißig
unterschiedliche Leinenqualitäten konnten aus
Textüberlieferungen des Alten
Reiches herausgefiltert werden. Darunter auch rotes und rötliches
sowie grünes
Leinen. Zumindest die Farbe Grün ist tatsächlich als solche
zu verstehen, das
heißt, es handelte sich demzufolge wohl um eingefärbtes
Material. Die Technik
des Einfärbens von Stoffen muss den Ägyptern schon sehr
früh bekannt gewesen
sein. Ein Stoffteilchen aus Meidum aus der 3./4. Dynastie konnte als
rot eingefärbt
analysiert werden. Das Färben von Gesponnenem und dessen
Verarbeitung beim
Weben dürfte jedoch erst im Neuen Reich Usus geworden sein. Als
Färbemittel
bekannt waren z.B. Ocker (gelb bis braun), Eisenoxyd, Henna und Krapp
(Rottöne)
oder Indigo (blau) - Rohstoffe, die teilweise in Ägypten selbst
beheimatet oder
aus der Levante eingeführt worden waren. Es ist deshalb
anzunehmen, dass die
Ägypter sich nicht nur in weißes Leinen hüllten,
sondern sehr wohl auch farbige
und gemusterte Kleidung trugen.
Eine
weitere, vielerorts an
ägyptischen Reliefs, Malereien und Plastiken zu bewundernde
Verzierung ist das
Plissieren. Bis heute ist man der Technik nicht auf die Spur gekommen.
Wahrscheinlich wurde der noch feuchte Stoff sehr kunstvoll in Falten
gelegt und
dann getrocknet, so dass die Falten erhalten blieben. Diese Technik
lässt sich
auch aus heutiger Sicht noch sehr gut nachvollziehen. Das wird jeder
bestätigen, der einmal versucht hat, zerknitterten Leinenstoff zu
glätten. Die
Ägypter mussten den aufwändigen Vorgang des Fältelns und
Plissierens nach jeder
Wäsche aufs Neue vornehmen – eine zeitraubende Angelegenheit.
Der langsame Wandel der Mode
Die Ägyptologie kennt
Kleidungsstücke aus verschiedenen Epochen als Grabbeigaben.
Problematisch ist
teilweise die Identifizierung, da so manches Stück aus nichts als
einem großen
Stoffteil bestand, das erst am Körper kunstvoll drapiert wurde.
Das wohl am
häufigsten und zu allen Zeiten getragene Kleidungsstück
für Männer war das
Lendentuch. Es bestand aus zwei zusammengenähten Stoffdreiecken.
Das Nähen
erfolgte mit Nadel (aus Metall oder Fischgräten) und Faden. Das
Lendentuch
wurde mit Schnüren versehen, die man sich um die Taille schlang
und vorn
miteinander und mit der von hinten nach vorn zwischen den Beinen durchgezogenen
Spitze des Dreiecks verband. Lendentücher waren aus Leinen, aber
auch aus
Tierfell und Leder (s.o.). Allein im Grabschatz des Tutanchamun wurden
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leinene Lendentücher gefunden. Manche Abbildungen zeigen
Männer, die lediglich
mit einem Lendenschurz bekleidet sind, einer Art Gürtel mit an der
Vorderseite
herunterhängendem Latz. Im Neuen Reich kamen dann zusätzlich
Schärpenschurze in
Mode. Dabei handelt es sich um breite Stoffschärpen, die
voluminös und in
Falten gelegt umgebunden wurden. Hinten reichten sie meist vom unteren
Rücken
bis etwa zur Hälfte der Oberschenkel. An der Vorderseite waren sie
verknotet
und die Enden fielen mal lose nach unten, mal waren sie nach innen
eingeschlagen. Die Länge der Schurze konnte variieren - von sehr
kurz bis
knöchellang. Mehrfach findet man Schurze, die an der Vorderseite
trapezförmig
brettartig ausladend gestaltet sind. Wie diese Form zustande kommt,
scheint
noch nicht ergründet. Diese Schurze könnten vielleicht mit
Hilfe eines
Verfahrens zur besonders stabilen Stärkung in Form gebracht und
gehalten worden
sein. (Abb. rechts:
Räuchernder mit Schärpenschurz und Damen in schmalen Kleidern
mit offenem Überwurf, 18./19. Dynastie, Museum Berlin)
Der älteste Fund eines
kompletten Kleidungsstückes stammt wahrscheinlich aus der 1.
Dynastie. Es
handelt sich um ein Kleid mit V-Ausschnitt, dessen offensichtlich
angesetztes
Oberteil quer verlaufende Falten aufweist, ebenso wie die
angeschnittenen
langen Ärmel. Von dieser Kleiderart wurden mindestens 15 Exemplare
aus der Zeit
von der 1. bis zur 11. Dynastie gefunden. Merkwürdigerweise konnte
man bisher
jedoch keinerlei Abbildungen dieses Kleidungsstückes ausmachen,
während
ärmellose Kleider mit V-Ausschnitt recht häufig in
Darstellungen auftauchen.
Ab der 11. Dynastie trug man
Sacktuniken. Oder besser gesagt, von diesem Zeitpunkt an sind sie durch
Grabfunde nachweisbar. Diese Tuniken bestanden aus einer langen
Stoffbahn, die
in der Mitte gefaltet wurde. In diesen Falz wurde eine runde
Öffnung
geschnitten, mit einem Schlitz im Vorderteil, um mit dem Kopf
hindurchschlüpfen
zu können. Die Seiten wurden bis auf die Armdurchlässe
zusammengenäht. Der Halsausschnitt
war ordentlich versäumt. Da Tuniken an sich ärmellos waren,
nähte man – wohl
für die kälteren Jahreszeiten - gesonderte Ärmel und
setzte sie wahlweise an
das Kleidungsstück. Auch in diesem Falle haben wir das
Phänomen, dass Abbildungen
von Tuniken – obwohl seit Jahrhunderten verwendet - erst ab der 18.
Dynastie
bekannt sind. Sie wurden von allen Bevölkerungsschichten bis hin
zu Angehörigen
des Königshauses getragen. Im Grab des Tutanchamun fanden sich
Tuniken des
alltäglichen Gebrauchs, die relativ einfach mit farbig
eingewobenen Motiven gestaltet
sind, aber auch Stücke von außergewöhnlich edler
Machart. Eines der
Letztgenannten ist mit Stickereien verziert und mit aufgesetzten
Bordüren, die
Tiere, Blumen und Jagdszenen zeigen. Der Halsausschnitt ist einem Anch-Zeichen nachempfunden. Die Tuniken
wurden sowohl von Männern als auch von Frauen getragen.
Darüber konnte ein
Schärpenschurz (s.o.) getragen werden oder – je nach Mode und
Geschmack – ein
mehr oder weniger reich plissiertes Kleid. (Abb. links: oberes Register: Männer
mit Tunika und Schärpenschurz, unteres Register: verschiedenartige
Schurze, Grab des Haremhab, Saqqara)
Wickelgewänder gehören mit zu
den ältesten Kleidungsstücken Ägyptens. Sie bestehen aus
einem großen
Stoffstück, dessen Größe
sich danach
richtet, ob ein langes oder kurzes Gewand gewünscht war. Für
die frühen
Wickelgewänder wurde der Stoff so um den Körper geschlungen,
dass eine Schulter
frei blieb, während auf der anderen zwei Zipfel miteinander
verbunden wurden
und somit einen Träger bildeten. Die Wickelkleidmode hielt sich
über die
Jahrtausende, wenn auch das Wickeln und Drapieren mit der Zeit immer
raffinierter wurde. Am Übergang vom Alten bzw. Mittleren Reich ins
Neue Reich
lassen sich die ersten weiterreichenden Veränderungen in der Mode
feststellen.
Während die älteren Kleidermodelle der Damen meist glatte,
eng anliegende und
knapp bis zu den Knöcheln reichende Trägerkleider waren –
vielleicht eine
Entwicklung der Sacktunika, wurden sie ab der 18. Dynastie
fußlang, weiter und
lockerer.
Die
Herrenmode, wenn man sie
so bezeichnen darf, passte sich entsprechend an. Ganz besonders vor, in
und
auch noch nach der Amarna-Zeit, also
etwa von der Regierungszeit Amenophis’
III. bis Tutanchamun, wurden
von den Damen offensichtlich durchscheinende
Gewänder getragen, die zwar prinzipiell weit waren, sich jedoch
durch die
Plissierung zuweilen eng an den Körper schmiegten. Darüber
konnte noch ein
duftiger langer Überwurf aus feinstem Material getragen werden,
der über der
Brust zusammengehalten wurde, ansonsten aber offen blieb. Manche
Abbildungen
und Rundplastiken aus dieser Zeit können sogar zu der Annahme
verleiten, die Amarna-Damen seien unter dem offenen
Überwurf gänzlich nackt. Dazu möchte ich mich jedoch
nicht hinreißen lassen. Lange
Tuniken aus durchscheinendem Material sind auch für Männer
überliefert. Man
sieht sie in Grabmalereien und in den Vignetten der Totenbuchpapyri des
Neuen
Reiches, wo Tuniken über einem kurzen Schurz getragen werden. Es
ist allerdings
Vorsicht geboten: es muss sich nicht wirklich um durchsichtige
Kleidungsstücke
gehandelt haben. Sie können auch von den Ägyptern in der
ihnen eigenen,
manchmal unergründlichen künstlerischen Ausführung
lediglich in dieser Weise dargestellt
worden sein - vielleicht um auch „das Darunter“ sichtbar zu machen.
Eine
ähnliche Beobachtung macht man im Grab der Nefertari,
der Großen Königsgemahlin Ramses’ II.
Ihre Gewänder erscheinen sehr transparent und doch ist der
durchscheinende
Körper nur in Umrissen und meist weiß wie das Gewand
angedeutet, wobei an
manchen Stellen ein darunter liegendes Kleid erahnbar ist. In einer
sehr
bekannten Szene aus ihrem Grab, die Nefertari
beim Senet-Spiel zeigt, trägt die
Königin ein weißes, offenes Gewand und darunter ein
offensichtlich eng
anliegendes, rötlich-braunes, leicht gemustertes Kleid.
In der Ramessiden-Zeit hatte das Plissieren von
Leinenstoffen dann anscheinend Hochkonjuktur. An einer in Turin
befindlichen Sitzstatue
Ramses’ II. lässt sich das besonders
gut nachvollziehen und ebenso an einer Sitzfigur der Königin Tuj, Mutter Ramses’ II., die sich in
Kairo befindet. Ramses hat für diese Figur eine
Königinnen-Statue des Mittleren
Reiches nachbearbeiten und dabei unter anderem das einst glatte Gewand
mit Plissee
überziehen lassen, wobei einige Zentimeter der
Steinoberfläche abgearbeitet
werden mussten. Die Spuren der Nachbearbeitung sind noch gut erkennbar.
(Abb. rechts oben: Dame mit
eng anliegendem Trägerkleid, Museum Schloss Tübingen)
(Abb. links: Ramessidische
Plisseetracht, Museum Luxor)
Eine
Besonderheit unter den
Kleidungsstücken – wenn man es denn als solches bezeichnen
möchte – sind
Perlennetzkleider. Ein in Einzelteilen fast komplettes und inzwischen
rekonstruiertes Perlennetzkleid wurde in einer Mastaba in Giza gefunden
und
stammt vermutlich aus der 4. Dynastie. Perlennetzkleider wurden
über einem
Unterkleid getragen und sind durch Reliefs und Statuen belegt.
Sicherlich war
ein solches Schmuckstück kein Alltagsgegenstand, denn es konnte
wegen seiner
Fragilität vermutlich nur zu bestimmten Anlässen getragen
werden.
Als
Accessoires zur Kleidung
kennen wir unter anderem auch Gürtel sowie die bereits oben
erwähnten Schärpen.
Während die meisten Schärpen relativ schlicht waren und
höchstens mit Fransen
oder Troddeln besetzt, existiert von Ramses
III. ein besonders schönes Exemplar eines Gürtels. Er ist
insgesamt 5,2 m
lang und an einem Ende etwa 12 cm, am anderen etwa 5 cm breit. Gewebt
ist er
aus blauem, rotem, gelbem und weißem Garn, und zwar so
kunstfertig, dass Anch-Zeichen, Zickzacklinien und
mehrfarbige
Streifen entstanden. In Anbetracht der Länge ist wohl davon
auszugehen, dass
dieser Gürtel mehrfach und eventuell versetzt um den
Oberkörper geschlungen
wurde. (Abb. rechts:
Perlennetzkleid, Museum Kairo)
Es ist nicht leicht, bei den
Ägyptern Modetrends zu entdecken, zumal man sich mehr oder weniger
auf
Abbildungen verlassen muss, die nicht zwangsläufig die
Realität widergeben.
Selbst in der Übergangszeit vom Mittleren zum Neuen Reich, als
sich die Mode
tatsächlich änderte, ist dies ein schleichender Vorgang. Die
Ägypter griffen
immer wieder sehr gern auf ältere, teilweise archaische Vorbilder
zurück. Dies
lässt sich nicht nur an der Mode, sondern auch in der Kunst
beobachten. Besonders
in der Spätzeit orientierte man sich gern an sehr alten
Vorbildern. Es ist also
nicht verwunderlich, dass eng anliegende, knapp knöchellange
Kleider wie im
Alten und Mittleren Reich in der Spätzeit wieder in Mode kamen.
Die Ptolemäer
dagegen änderten die Tracht grundlegend. Ob männlich oder
weiblich, man trug
dreiteilige Gewänder, bestehend aus einem Unterhemd, einem Umhang
und einem darüber
gelegten Schal, einer Stola ähnlich. Den Ursprung dieser
Kleidungsstücke hat
man als ägyptisch erkannt, die Erscheinung ptolemäischer
Damen jedoch ähnelt
denen der Ägypterinnen schon wegen der unverkennbaren
Leibesfülle kaum noch.
Die berühmteste aller Ptolemäerinnen allerdings, Kleopatra
VII., ließ sich in ihren Tempeln unter Anwendung rein
ägyptischer Ikonographie darstellen. Entsprechend schmal und
elegant ist dort
auch ihre Silhouette.
(Abb. oben: Beispiele von
Wickelmethoden (nach Vogelsang-Eastwood)
Aus
all den überlieferten
Funden, Aufzeichnungen und Darstellungen geht recht eindeutig hervor,
dass die
Ägypter es sehr liebten, sich gut und edel zu kleiden. Dass dies
nicht für
jeden erschwinglich war, lässt sich denken. Nacktheit aber war,
von Kindern und
leicht bekleideten Tänzerinnen und Dienerinnen einmal abgesehen,
offensichtlich
ein Zeichen niederen Standes und Würdeverlustes, wie der als Titel
gewählte
Spruch aus dem „negativen Sündenkenntnis“ des Totenbuches deutlich
macht. Und
so ließen sich auch einfache Bürger, wenn schon nicht im
Leben so doch für die
Jenseitswelt, wenigstens bildhaft gut ausstaffieren.
Verwendete Literatur:
Herodot -
Historien, in der
Übersetzung von A. Horneffer, 1971
Lucas A., und Harris, J.R. – Ancient Egyptian Materials and Industries,
1999
Reeves, N. – The Complete Tutankhamun, 1990
Rosselini G., in Bilderwelten
und Weltbilder der Pharaonen, von Zabern, 1995
Scheele, K. – Die Stofflisten
des Alten Reiches, 2005
Tildesley, J. – Töchter der
Isis, 1994
Vogelsang-Eastwood, G. – Die
Kleider des Pharaos, 1995
Wilson, E. – Ancient Egyptian Designs, 1986
Ausstellungskatalog “Nofret –
die Schöne”, von Zabern, 1984
Ausstellungskatalog „The
Graeco-Roman Museum Alexandria“, 1995
Lexikon der Ägyptologie
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