Die Geburt des Individuums
Skulpturen des Mittleren Reiches

Bericht über den Dienstagsvortrag am 30. Mai 2000 

von Professor Dietrich Wildung und Dr. Sylvia Schoske
in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin

Da ich den Text nach meinen eigenen Aufzeichnungen während des Vortrages verfasst habe, sind Missverständnisse nicht ausgeschlossen. Keinesfalls soll der Eindruck entstehen, es handele sich um eine wortgetreue Wiedergabe des Gesagten. Bei eventuellen Irritationen bitte ich als Verfasserin um Kontaktaufnahme.
Gitta Warnemünde

Leider ist es dieses Mal ausserordentlich schwierig, den Vortrag in einem Text zusammenzufassen, denn er lebte von Bildern und rezitierten altägyptischen Texten. Eine Einstimmung auf die am 8. Juni 2000 beginnende Sonderausstellung "Ägypten 2000 v.Chr." in Berlin, die ebenfalls in diese zwei Ebenen aufgeteilt ist: Bild und Sprache.

Im Kern ging es um die sich in der 11. Dynastie anbahnende Individualisierung in den bildnerischen Darstellungen, die in Oberägypten ihren Anfang nahm. Bereits in "Rettung aus dem Süden" war klar geworden, dass z.B. die Bildnisse und Skulpturen Mentuhoteps II und seiner Familie naturalistisch wiedergegeben wurden, während Unterägypten noch die idealisierende Kunstrichtung des Alten Reiches anwendete. Nach und nach setzte sich dann der Stil durch, den Menschen als Individuum darzustellen. Es war wie das Heraustreten aus der heilen Welt der Blütezeit nach deren Zusammenbruch. Ein Antlitz konnte nun einer Person zugeordnet und anhand der Gesichtszüge auch wieder erkannt werden. Dabei ging es nicht nur um die individuelle Physiognomie, sondern es wurden auch die Prozesse eines Lebenslaufes, Jugend und Alter, Weisheit, Schroffheit, Güte sichtbar gemacht. Sogar einzelne Städte entwickelten eigene Stilrichtungen. Obwohl diese Kunstform sich erst im Mittleren Reich durchsetzte, bietet auch das Alte Reich schon Beispiele dafür. So zeigt eine Doppelstatue des Niuserre einen jugendlichen und einen gealterten Herrscher. Die Individualität in der Kunst war nicht allein Königen vorbehalten. Auf der Stele eines Oberbildhauers berichtet dieser ausführlich von seinen künstlerischen Fähigkeiten, ein Beweis für das Erwachen der eigenen Persönlichkeit. Hierbei handelt es sich im übrigen um die erste bekannte Biographie eines Künstlers überhaupt.

Bemerkenswert ist auch, dass selbst Uschebtis, die kleinsten figürlichen Darstellungen des alten Ägypten, im Mittleren Reich individuelle Züge tragen.

Von Sestostris III gibt es eine ganze Anzahl von Darstellungen individueller Art. Allein in der Ausstellung werden  ein gutes Dutzend seiner überaus markanten Statuen zu sehen sein. In die Gesichtszüge dieses Herrschers wurde viele Jahre lang etwas Tragisches hineininterpretiert, das jedoch ganz im Gegensatz steht zur zeitgenössischen Literatur, beispielsweise zu einem Hymnus, der von verbaler Abschreckung durch Sprache gekennzeichnet ist und deutlich macht, welche überragende, mächtige und durchsetzungsstarke Herrschergestalt Sesostris war. 

Die Künstler des Mittleren Reiches waren wahre Meister ihres Faches. Ihre Kunstfertigkeit war so großartig, dass Arbeiten aus dieser Epoche fraglos mit ptolemäischen Kunstwerken vergleichbar sind. Dies führte dann auch in der Tat zu Fehldatierungen, die erst in jüngerer Zeit korrigiert wurden. Es bleibt zu spekulieren, wie viele Werke existieren, die der Spätzeit zugesprochen wurden, vielleicht jedoch in Wahrheit anderthalb Jahrtausende älter sind.

Soviel zu diesem Vortrag, der von beeindruckenden Bildern aus der Würzburger Ausstellung sowie von Texten, vorgetragen von Sylvia Schoske, begleitet wurde.

Im Anschluss an den Vortrag gab es Gelegenheit, die zwei Wochen zuvor angekündigten Groß-Exponate in der Remise zu besichtigen. Unter anderem ein überlebensgroßer Kopf der Hatschepsut mit Resten der ursprünglichen Bemalung des Nemes-Tuches. Abschließendes Highlight war eine spontaner Besuch im Ägyptischen Museum, das sich an die Remise anschließt, sozusagen durch die Hintertür. So konnte ein soeben aufgestellter Torso einer Monumentalstatue des Eje besichtigt werden. Dies war für mich persönlich ein ganz besonderes Erlebnis; die Existenz von Monumentalstatuen dieses Pharao war mir bis dahin unbekannt.

Gitta Warnemünde