Selbstbewußte Provinz - Die Gaufürsten

Bericht über den Dienstagsvortrag am 17. Mai 2000 

(ausnahmsweise mittwochs) 
von Dr. Hannelore Kischkewitz
in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin

Da ich den Text nach meinen eigenen Aufzeichnungen während des Vortrages verfasst habe, sind Missverständnisse nicht ausgeschlossen. Keinesfalls soll der Eindruck entstehen, es handele sich um eine wortgetreue Wiedergabe des Gesagten. Bei eventuellen Irritationen bitte ich als Verfasserin um Kontaktaufnahme.
Gitta Warnemünde

Das ägyptische Reich war in insgesamt 42 Verwaltungseinheiten aufgeteilt, 22 oberägyptische und 20 unterägyptische Gaue, mit eigenen Standarten (Gauzeichen) und jeweils einem Vorsteher, dem "Gaufürsten". Den Vorstehern der Gaue oblag die Verwaltung der Immobilien und Felder des Königs, also von den Gütern über die Dörfer bis zu den einzelnen Häusern (per), wobei es nicht unüblich war, die verschiedenen Aufgaben an Untergebene zu delegieren. Der Titel "Verwalter der Besitztümer" bestand auf Lebenszeit und wurde weitervererbt. Seit der 6. Dynastie war der Gaufürst das "Große Oberhaupt" und ab dem Ende des Alten Reiches wurde der 1. bis 7. oberägyptische Gau als Kopf Oberägyptens von einem Gaufürsten verwaltet; später kamen noch der 8.  und 9. Gau hinzu, so dass sich der Einfluss des Gaufürsten bis nach Achmim erstreckte. Das bedeutete also einen ungeheueren Machtzuwachs kurz vor der ersten Zwischenzeit, den erst Sesostris III beenden sollte.

Im Zuge des Zusammenbruchs des Alten Reiches gab es unter den Gaufürsten Hegemoniebestrebungen, die ein Selbstbewusstsein zu Tage förderten, das beinahe als blasphemisch bezeichnet werden kann. So wurden Gauhauptstädte statt der Landeshauptstadt zum Mittelpunkt erhoben und im Grab des Anchtifi III findet sich ein Text, der einem Königs-Hymnus gleichkommt und in welchem der Fürst sich selbst zur obersten Instanz ernennt, ohne jede Erwähnung des Königs. Die Gaue bildeten eine Welt für sich. Gelegentlich erfolgte sogar die Zeitrechnung nach den Regierungsjahren des Gaufürsten und nicht wie üblich nach denen des Königs. Die umfassendste Eigenständigkeit hatte der Gau um Aswan, dessen Gaufürsten von Elephantine aus regierten. Seit je her war dieser Gau einer der wichtigsten des Reiches. Die dortige Verwaltung überwachte den Handel, die Goldimporte aus Nubien, die Arbeiten in den Granitsteinbrüchen, war verantwortlich für die Grenzsicherheit und die Nil-Schifffahrt. Hinzu kam die mythologisch-religiöse Bedeutung von Elephantine, wo nach altägyptischer Lesart der Nil seine Quelle hatte. Die Bedeutung von Elephantine bereits im Alten Reich wird deutlich in einem Lobgesang von Pepi II auf den Gaufürsten Herchuf, der in dessen Grab dargestellt ist. Dabei handelte es sich wohl um einen Text, der politischem Kalkül entsprang und mit dem die Loyalität des Fürsten zum Herrscherhaus gesichert werden sollte. Die Zäsur der Ersten Zwischenzeit machte sich in Elephantine wegen der grossen Entfernung zur Residenz weniger bemerkbar als in anderen Landesteilen. 

Am Beispiel des Sarenput I, Gaufürst des Mittleren Reiches in Elephantine unter Sesostris I, lässt sich ganz besonders gut ableiten, in welcher Rolle die Gaufürsten sich selbst sahen; eine Rolle, die ihnen nicht zukam. Das Grab des Sarenput befindet sich hoch über dem Nil in Fels gehauen. Der Zugang mutet wie ein Aufweg an, mit denen Grabmäler der Könige des Alten Reiches ausgestattet waren. Die Grabtexte berichten über seine, des Prinzen und Gaufürsten Taten in höchst selbstbewußter Weise in "wörtlicher Rede": Ich habe den Himmel erreicht! Selbsteinschätzungen dieser Art kamen normalerweise nur dem König selbst zu. Die Ausstattung des Grabes selbst ist zwar in typisch provinziellem Stil gehalten, jedoch erinnert beispielsweise die Säulenhalle mit Osirispfeilern ebenfalls stark an eine königliche Grabstätte. 

Die Privatplastiken aus dieser Zeit waren nicht idealisiert, sondern porträthaft mit individuellen, teilweise nubisch beeinflussten Zügen gearbeitet. Eine ganze Reihe von derartigen Plastiken verschiedener Personen war auf Elephantine im Heiligtum des Heqaib aufgestellt, einem hohen Beamten, der aus bisher nicht bekannten Gründen zum Ortsheiligen erhoben worden war.

Weitere Beispiele prunkvoll ausgestatteter Fürstengräber finden sich in Beni Hassan, im Ostgebirge des 16. oberägyptischen Gaues, der für den Ost-Grenzschutz verantwortlich war. Die Fassaden dieser Gräber erinnern mit ihren Loggia-ähnlichen Eingängen an Fürstenpaläste. Aus der 11. Dynastie sind Reliefs mit Ringkampfszenen erhalten, Darstellungen, die in der 12. Dynastie wieder durch traditionelle Versorgungs-, Jagd-, und Vogelbilder abgelöst wurden. Die Säulen in der Halle des Grabes des Fürsten Chnumhotep tragen dessen Namen, was auch zumindest ungewöhnlich, wenn nicht überheblich erscheint. Bei Assiut befinden sich Grabtexte über Rechtssystem und Verwaltung und in den Alabstersteinbrüchen Inschriften, die nach den Gaufürsten und nicht nach dem König datiert sind.

Sesostris III, ein überaus energischer und durchsetzungsstarker König, setzte der überschwappenden Machtfülle der Gaufürsten ein Ende. Da das alleinige Beschneiden von Macht nicht das gewünschte Ergebnis gebracht hätte, sich wieder dem Herrscherhaus zu beugen, wurden die Fürsten abgelöst und durch kündbare Militärs ersetzt. Ausserdem entstanden drei Büros zur Verwaltung der Gaue. Über Widerstände gegen diese Umstrukturierung ist nichts bekannt. Das Königtum jedenfalls war wieder erstarkt und der Ära der prunkvollen, in Fels gehauenen Fürstengräber ein Ende gesetzt.

Der Vortrag wurde von zahlreichen Lichtbildern begleitet.

Gitta Warnemünde