Königsmord - Die frühe 12. Dynastie

Bericht über den Dienstagsvortrag am 02. Mai 2000 

von Professor Dietrich Wildung
in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin

Da ich den Text nach meinen eigenen Aufzeichnungen während des Vortrages verfasst habe, sind Missverständnisse nicht ausgeschlossen. Keinesfalls soll der Eindruck entstehen, es handele sich um eine wortgetreue Wiedergabe des Gesagten. Bei eventuellen Irritationen bitte ich als Verfasserin um Kontaktaufnahme.
Gitta Warnemünde

Nachdem ich wegen meiner Verspätung den Anfang des Vortrages nicht verfolgen konnte, werde ich einleitend kurz das "Lexikon der Pharaonen" bemühen: 

Amenemhet I, Vollender der Reichseinigung von Mentuhotep II, führt zur Sicherung einer ordentlichen Nachfolge die Mitregentschaft ein, die sein Sohn Sesostris I während 10 Jahren ausübt. Folgt man den literarischen Texten der "Lehre des Königs Amenemhet" und der Einleitung der "Geschichte des Sinuhe", so fiel Amenemhet einem Attentat zum Opfer. Eine Neuinterpretation entscheidender Textstellen der "Lehre des Amenemhet" läßt jedoch auch den Schluss eines missglückten Anschlages zur Legitimierung der von nun an üblichen Institution der Mitregentschaft zu. Als Grabanlage errichtete sich Amenemhet einen Pyramidenbezirk in der Nähe der archäologisch bisher nicht nachgewiesenen Residenz Itjtaui, im heutigen el-Lischt.

Auch der Pyramidenbezirk Sesostris I (Cheper-ka-Re) befindet sich in el-Lischt. In seinem Totentempel wurden Holz- und Mattenreliefs gefunden sowie die Darstellung von Kampfszenen aus dem Krieg geben die Libyer. Nach dem Mord an Amenemhet wurde erstmals auch eine Abgrenzung des Reiches nach Osten notwendig. Es entstand eine sogenannte Fürstenmauer etwa in Höhe des heutigen Suezkanals mit Zoll- und Militärstationen, von denen die Grenztagebücher erhalten sind. In den Ruinen von el-Lischt fand man Blöcke mit der Kartusche des Chufu und auch solche, die Chephren zuzuschreiben sind. Die Frage ist, ob hier Bauten aus dem Alten Reich bzw. im Stil desselben standen, oder ob bereits zu der Zeit Giza als Steinbruch diente. Erst kürzlich stieß Arnold in el-Lischt auf einen Architrav aus der Zeit des Alten Reiches. In den Tempelruinen wurde ein gutes Dutzend Sitzstatuen des Sesostris gefunden. Sie tragen die typische Sitzdekoration mit der Darstellung der Vereinigung beider Länder, Lotus und Papyrus umeinandergeschlungen, gehalten von Göttern, auf der einen Seite des Sitzes Horus und Seth, auf der anderen die Fruchtbarkeitsgötter des Nils. Die Statuen zeigen Unterschiede in Proportion und Ausdruck. Auch Osirispfeiler-Figuren mit der Krone Ober- und Unterägyptens befanden sich im Tempelbezirk. Auffallend ist, dass die unterägyptischen Statuen äußerst strenge, statische Züge tragen, während die Statuen Oberägyptens weitaus lebendiger wirken, wie beispielsweise die Berliner Kniefigur des Sesostris. Im übrigen wurden rund 2000 später in Naga Statuen mit der Kartusche Sesostris' geschaffen, im Gedenken an den bedeutenden König.

Am Anfang der 12. Dynastie erfolgte die erste große Bauaktivität in Karnak. In der Mittelachse der Tempelanlage findet man noch steinerne Türschwellen und -pfosten und am Ende des Areals steinerne Stufen, die vermutlich zu einer hölzernen Kultkapelle hinaufführten. Dieser früheste Tempelbau in Karnak war möglicherweise ein Ziegelbauwerk, so dass nur noch die steinernen Reste bis heute erhalten sind. Er wurde auch in späteren Epochen niemals überbaut und galt als heiligster Platz des gesamten Tempelbereiches. Wie traditionsbewußt auch spätere Herrscher waren, ist zu erkennen an einem Relief von Thutmosis III, der sich - unter einem Baldachin sitzend - im Stile Sesostris' abbilden ließ. Ein Kunstwerk ganz besonderer Art ist die sogenannte weisse Kapelle, die Chapelle blanche, des Sesotris, wegen der hinein- und auf der anderen Seite wieder hinausführenden Rampe ein Stationsheiligtum. Die Kapelle wurde restauriert aus Teilen, die verbaut gefunden wurden. Der Pavillon hat außergewöhliche, weil quadratische Pfeiler und wurde mit feinen Reliefs ausgeschmückt. In seinem Inneren finden sich Darstellungen von Fruchtbarkeitsgöttern, Gaumaße, wobei die Nordseite für Unterägypten und die Südseite für Oberägypten steht. Ausserdem ist hier die erste aller Gau-Listen zu finden. 

Spuren von Amenemhet und Sesostris findet man unter anderem in Tell el-Daba, dem früheren Auaris, in Form von Blöcken, die vermutlich zu einem Palast, einer Pfalz, gehörten, wie sich aus einer Inschrift ergibt. Weiterhin einen Obelisken Sesostris' am Eingang eines Gau-Tempels. Am Eingang von El Fayum wurde eine Obelisk aufgerichtet, den man in einem Feld liegend fand. Es handelt sich hierbei weniger um einen echten Obelisken als vielmehr um einen rechteckigen, langen Monolithen mit einer rechteckigen Mulde auf der Spitze, in die in der Antike etwas eingelassen war, möglicherweise eine Sonnenscheibe. Die Darstellung weist auf Sesostris und die Götter des Fayum. Ein eckiger Berg im Fayum, der zunächst wie ein Tafelberg anmutet, erweist sich als Steinbruch, an dessen Fuß sich ein Tempel oder ein Kapelle befand. Es wurde jedoch keine Inschrift gefunden. Möglicherweise handelt es sich um ein Heiligtum für Sobek. In Hermopolis befinden sich Reste eines Pylon-Eingangs aus der Zeit Amenemhets II mit Türpfosten und in Dendera Blöcke Amenemhets I. Die ptolemäischen Bauten in Edfu enthalten einen Ritualtext mit Bezug auf Amenemhet bzw. Sesostris. Von der breiten Streuung der Bauten der 12. Dynastie läßt sich eine große Präsenz der Herrscher ableiten.

Während dieser Zeit ging die Kunst in Oberägypten eigene Wege. Die Privatstatue eines Vezirs unter Sesostris zeigt diesen in ungewöhnlicher Haltung mit untergeschlagenem Bein und in überaus realistischer Darstellung. Privatstatuen bedeutender Persönlichkeiten wurden im Neuen Reich restauriert und am Eingang des Karnak-Tempels für jeden zugänglich aufgestellt. Bei der Dekoration der Privatgräber in Theben wurde der Stil der 11. Dynastie fortgesetzt, pastellfarbig mit viel Freiraum. Beispiel eines Motives: Ein Bestattungszug mit einem Schlitten, auf dem sich ein sogenannter Tekenu befindet, ein Priester, eingenäht in ein Tierfell, aus dem er später "ausbrechen" wird, möglicherweise eine Wiedergeburtssymbolik. Weitere Motive sind u.a. Schlacht- und Jagdszenen. Derartige Darstellungen haben noch 500 Jahre später Vorbildcharakter, indem man sie mit Hilfe eines Gitternetzes exakt kopierte.

Der Vortrag wurde von zahlreichen Lichtbildern begleitet.

Gitta Warnemünde