Rettung aus dem Süden - die 11. Dynastie

Bericht über den Dienstagsvortrag am 18. April 2000

von Professor Dietrich Wildung
in der Remise des Ägyptischen Museums Berlin

Da ich den Text nach meinen eigenen Aufzeichnungen während des Vortrages verfasst habe, sind Missverständnisse nicht ausgeschlossen. Keinesfalls soll der Eindruck entstehen, es handele sich um eine wortgetreue Wiedergabe des Gesagten. Bei eventuellen Irritationen bitte ich als Verfasserin um Kontaktaufnahme.
Gitta Warnemünde

Nach dem Zusammenbruch des Alten Reiches und den Wirren der Ersten Zwischenzeit gilt Mentuhotep II (Neb-hepet-Re) als zweiter Reichseiniger in der Geschichte des alten Ägypten. Die Residenz der beiden Reiche ist nunmehr Theben, das zu Zeiten des Alten Reiches keinerlei Bedeutung hatte. Es sind kaum Reste aus dem Alten Reich gefunden worden. 

Der Totentempel des Mentuhotep befindet in unmittelbarer Nachbarschaft, an der Südseite, zum Tempel der Hatschepsut (umgekehrt wäre die Formulierung eigentlich chronologisch korrekt) und diente Senenmut, dem Baumeister Hatschepsut's, als Vorbild. Zu seinem Bau wurde eine Nische in die Böschung des Berges hineingeschlagen, in die sich der Tempel als Terassenbauwerk hineinschmiegt (sehr anschaulich aus der Vogelspersektive). Mit den Ausgrabungsarbeiten wurde vor etwa 25 Jahren durch Dieter Arnold begonnen. Im hinteren Teil, also bergseitig, befindet sich im Fels das Grab Mentuhoteps, eine 70 m tiefe Grabkammer mit Halbtonnengewölbe. Damit ist hier ein eindrucksvolles Beispiel gegeben für die Änderung der Bestattungsbräuche gegenüber den Königen vorhergehender Dynastien: an Stelle von Pyramiden wurden nunmehr versteckte Felsgräber als Ruhestatt gewählt. Zum einen geschah dies aus Gründen der Sicherheit; der zweite, wichtigere Grund jedoch waren geänderte Jenseitsvorstellungen. Anstatt auf einer Himmelsleiter zu den Sternen zu gelangen, zog es die Könige (und nicht nur diese) durch den aufkommenden Osiris-Kult nunmehr in die Unterwelt. Bevor Arnold mit seinen Ausgrabungen begann, waren die Ägyptologen davon ausgegangen, daß sich über dem Tempel eine kleine Pyramide erhoben hatte, sozusagen als Reminiszenz an die Bestattungsform des Alten Reiches. Arnold rekonstruierte den Tempel jedoch nach den vorhandenen Anhaltspunkten mit einem mastabaähnlichen Oberbau, vielleicht einem Urhügel. 

Außer dem Grab von Mentuhotep selbst finden sich innerhalb des Tempels sechs Kapellen mit senkrechten Schächten. Es handelt sich um die Gräber der Königinnen und Prinzessinnen. Alle Gräber sind mit Reliefs ausgestattet.  Die Darstellungen aus dem Grab der Hauptgemahlin Mentuhoteps (Nofru) zeigen diese schwarzhäutig und mit kurzer, gekräuselter Haartracht, ebenso die Dienerinnen. Man kann heute davon ausgehen, dass es sich um ein rein nubisches, wenn nicht gar afrikanisches Königsgeschlecht handelte, wofür nicht nur die Hautfarbe, sondern auch die Physiognomie spricht. Die große Sitzstatue Mentuhoteps, die sich im Ägyptischen Museum Kairo befindet, zeigt eine stämmige Person mit fleischigen Lippen. Man ging bisher davon aus, dass die schwarze Hautfarbe als Farbe des Osiris anzusehen ist und nach dem Tode des Herrschers aufgebracht wurde. Dagegen spricht jedoch die Bekleidung, bei der es sich um den weißen heb-sed-Mantel handelt. Auch andere Skulpturen Mentuhoteps zeigen eine afrikanische Physiognomie. In dieser Zeit bestanden - abgesehen von Elephantine als wichtigem Grenzposten - scheinbar bereits Beziehungen zu Obernubien, wenn nicht gar noch weiter hinein ins Afrikanische. In einem Kenotaph wurde eine große Zahl weiterer Sitzstatuen gefunden. Alle zeigen Mentuhotep, bekleidet mit dem heb-sed-Mantel. Heute stehen (und liegen) diese Statuen ein wenig unmotiviert im ersten großen Hof des Tempels herum. 

Es fällt auf, dass hier ganz allgemein erstmals ausführliche kriegerische Auseinandersetzungen und Kampfszenen u.a. mit gelbhäutigen Feinden (Asiaten) auftauchen, während aus dem Alten Reich die Darstellung von derartigen Kampfhandlungen wenig bekannt ist. Ausserdem ist eine andere künstlerischen Darstellung in den Reliefs festzustellen: keine Überschneidungen, freie Flächen, die den Bildern Dreidimensionalität verleihen.

Der Tempel Mentuhoteps selbst wurde mehrfach, auch noch im Neuen Reich, restauriert. Durch den Neubau der Hatschepsut wurde er geringfügig überbaut. Jedoch ließ Hatschepsut einen unterirdischen Stollen anlegen, um den Totenkult weiterhin zu gewährleisten. 

Aus der Zeit Mentuhoteps III stammt der Month-Tempel auf dem sogenannten Thot-Hill, dessen Achse auf Karnak weist, und der als erster Tempel mit Pylon gilt. Reste sind noch erhalten, durch die Höhenlage jedoch schwer zugänglich, aber von unten mit bloßem Auge zu erkennen. Der Tempel wurde zunächst für ein Heiligtum des Thot gehalten, daher der Name des Hügels. Ein dort gefundenes Relief zeigt jedoch den König mit einem leider teilweise zerstörten Götterbildnis, das wegen des erhaltenen Kopfschmuckes, der Sonnenscheibe mit Doppeluräus, eindeutig als Month identifiziert werden konnte. Der Tempel des Mentuhotep III liegt in einem südlichen Seitental. Er wurde jedoch nie fertiggestellt. 

Südlich von Deir-el-Bahri befindet sich ein Friedhof aus der 11. Dynastie und in Assasif das Grab eines Antef, von dem nicht bekannt ist, um welchen Antef es sich handelt. Vielleicht ein Vorgänger Mentuhoteps? In den Steinbrüchen des Wadi Hamamat wiederum ist Mentuhotep II bezeugt sowie in einer Kapelle in Dendera. Weiterhin befinden sich Gräber aus der 11. Dynastie in Aswan in Qubbet-el-Hawa.

Der Vortrag wurde von zahlreichen Lichtbildern begleitet.

Gitta Warnemünde